Bei den ganzen diesjährigen grandiosen Alpinklettertouren im Bergell oder Wilden Kaiser kam das Bergsteigen doch einfach zu kurz. Also was macht man da: man fährt einfach im Herbst noch einmal in die Berge. Weniger Leute (da keine Ferienzeit) plus weniger Gewittergefahr (da Oktober) = mehr Vergnügen am Berg!

In Chamonix fiel kurzfristig die Entscheidung, direkt nach Grindelwald weiterzufahren – am Frendopfeiler hatte es zu schlechte Verhältnisse. Nach dem Packen erwischten wir die Bahn um 15:44 auf die Kleine Scheidegg. Es ist immer wieder ein Erlebnis, mit diesem fast schon nostalgisch anmutenden Zug hinaufzufahren in die Arena des extremen Bergsteigens! Gewaltig thront die Nordwand des Eigers über den Hotels der Kleinen Scheidegg und die Gedanken kreisen unwillkürlich um die erfolgreiche Durchsteigen der Heckmair-Führe im März 2015. Nur doof dass wir von den ganzen schönen Bergen nix sahen: dichter Nebel verhinderte die Sicht.

Im dichtesten Nebel wanderten wir hinauf über die Fahrwege in Richtung Station Eigergletscher. Kurz vorher rechts hinunter zum Eitergletscher und schon hatten wir uns verlaufen. Wo sind die blau-weißen Markierungen zur Guggihütte? Etwas Suchen und Absteigen brachte den gewünschten Erfolg – der Weg war von nun an wirklich prima markiert! Über den ersten Schnee stapften wir hinauf zur Hütte, jedoch müssen die 700 Zustiegshöhenmeter auch erst mal absolviert werden. Und plötzlich war es soweit: Wie Von Zauberhand tat sich der Nebel auf und gab den Blick frei auf die gewaltigen Nordwände von Mönch und Jungfrau. Wie im Flugzeug sitzend konnten wir den herrlichen Anblick genießen. Die Inversionswetterlage bescherte den Tallagen dichten Nebel und kalte Temperaturen, während die oberen Bergregionen mit bestem Wetter die Bergsteiger lockten. Man muss sich eben nur mal überwinden vor die Tür zu gehen…

Im Stirnlampenschein erreichten wir die Hütte. Zwei starke Schweizer waren schon dort und hatten Feuer gemacht. Wohlige Wärme ging von der Hütte aus, die wirklich exponiert über den Dächern von Grindelwald thront! Ein falscher Schritt im Zustieg und ein Absturz wäre die Folge gewesen. Nun aber haben wir den sicheren Hüttenhafen erreicht und wärmten uns sogleich am Feuer und kochten das Abendessen. Urgemütlich. Sachen packen für den nächsten Tag war die Devise, bevor es in die Betten ging.

Der nächste Morgen: Um 5 Uhr schellte der Wecker unbarmherzig. Auf gehts! Die Schweizer waren schnell weg, Christian und ich ließen es eher gemütlich angehen. Der Aufstieg zum ersten Plateau war stellenweise recht mühsam dank des Neuschnees. Irgendwann montierten wir die Steigeisen und gleich ging es besser – warum kommen wir so spät darauf?! Oben waren bereits der Nollen und das Gipfeleisfeld sichtbar. Insgesamt sah es nach einer gutmütigen Bergtour aus – der Nollen präsentierte sich nicht so steil wie erwartet. Bald legten wir die übrige Eisausrüstung an und widmeten uns der Crux der Tour: drei Seillängen in bis zum 70 Grad steilem Eis. Meist konnte ideal im Hartschnee geklettert und im Eis gesichert werden. So stelle ich mir den Einstieg in die Wintersaison vor! Zügig brachten wir die drei Seillängen hinter uns, bevor das Gelände wieder flacher wurde. Der Weiterweg zum Gipfel sah nicht mehr ganz so anstrengend aus….weit gefehlt!

Der Bergschrund zum Gipfeleisfeld forderte noch einmal Engagement, bevor die Blankeisqual anfing. Der Neuschnee vom vergangenen Wochenende hatte sich noch nicht wirklich verfestigt, sodass auf dem Eis eine lockere Schicht der weißen Pracht lag. Wir entschlossen uns deshalb nicht seilfrei zu gehen, die Absturzgefahr wäre einfach zu groß gewesen. Wir sind keine alpinen Überflieger die so etwas mal eben ohne Sicherung klettern können. Also: Seil raus, Schrauben zu recht gerückt und los ging es! Wo es kraftmäßig noch ging verlängerte ich die Seillänge mittels Rücklaufsperre, sodass wir auch mal länger als eine normale Seillänge klettern konnte. Im oberen Teil übernahm Christian souverän die Führung. Mittlerweile war es später Nachmittag, unsere gute Akklimatisierung trug nicht gerade zu Geschwindigkeitsrekorden bei…

Wir erreichten den Gipfelgrat, machten das Seil weg und pausierten erst einmal. Die wenigen Schritte zum Gipfel auf 4107m waren auch schnell (hahah) gemacht und so konnten wir bald die herrliche Gipfelrundumsicht genießen: Aletschhorn, Jungfrau, Scheckhorn, Lauteraarhorn – alle standen sie da, stumm im Nachmittagslicht mit dem ersten Neuschnee bedeckt. Fantastisch!

Auf uns wartete jedoch noch ein Abstieg zur Mönchsjochhütte, da wir die letzte Bahn am Jungfraujoch nicht mehr erreichen würden. In der einsetzenden Dunkelheit mussten wir uns am Gipfelgrat noch einmal voll konzentrieren. Müdigkeit und Kopfschmerz waren wie weggeblasen, jeder falsche Schritt ist nun absolut tödlich. Ich versuchte, die Steigeisen präzise voreinander zu setzen, da der Grat nunmal nicht breiter war. Eine gute Spur war dennoch vorhanden, nur eben schmal. Nach einiger Zeit zumindest eine seitliche Begrenzung aus Eis, so ich mich mit dem Pickel etwas halten konnte. Geschafft! Den exponiertesten teil des Grates hatten wir geschafft. Was folgte, empfand ich trotz Unwohlseins (die Höhenkrankheit war fortgeschritten) als abwechslungsreichen Gratabstieg! Ein letztes Abseilmanöver in der Dunkelheit brachte uns aufs Ewigschneefeld, über das wir in kurzer Zeit die Hütte erreichten. Eine tolle Westalpentour war zu Ende…

AM nächsten morgen wartete der gemütliche Gang rüber zum Jungfraujoch. Ich war noch nie dort, sodass wir uns noch Zeit nahmen die ganzen touristischen Attraktionen zu bestaunen. So ein Blick von der Terrasse des Observatoriums ist schon etwas besonderes, wenn man mit dem Bergsteigen nicht viel zu tun hat! Bald hatten wir jedoch vom Rummel die Nase voll und traten die Rückfahrt per Bahn an. Noch ein Kaffee auf der Kleinen Scheidegg (der musste sein!) und wir waren wieder in der Zivilisation.