Nach unserer erfolgreichen Besteigung des Ortler über den Hintergrat machten Chris und ich  uns am nächsten Tag auf, um einen noch schwierigeren und längeren Grat an der benachbarten Königsspitze zu begehen: Der Lange Suldengrat verläuft an der Nordwestseite dieses formschönen Berges und bietet sich somit für eine Überschreitung an. Der Abstieg sollte uns über die Ostflanke (Normalweg) führen.

Königsspitze von der Hintergrathütte aus

Königsspitze von der Hintergrathütte aus

Am 27.07. gegen 03.30 Uhr war die Nacht in den gemütlichen Betten (!) der Hintergrathütte vorbei. Diesmal folgten wir dem Stirnlampenwurm nur kurz, der sich zum Hintergrat am Ortler zog. Nach kurzer Zeit bogen wir nach Süden auf den aperen Suldengletscher ab und suchten uns unseren Weg zwischen dem Chaos aus offenen Spalten und Geröll. Noch vor Sonnenaufgang waren wir am Einstieg des Grates, der durch eine steile, brüchige Schuttrinne markiert wurde. In dieser ging es nach dem Motto ein Schritt vor, zwei zurück, mehr oder minder gut hinauf, bis wir einen ersten Blick in die leider stark ausgeaperte Nordwand der Königsspitze genießen konnten. An der ersten schwierigen Stelle (IV, Bohrhaken) konnten wir den Sonnenaufgang genießen. In abwechslungsreichem Gelände ging es voran, über leichte Kletterei in Schuttfeldern, im kombinierten Gelände und in einer kurzen Firnflanke erreichten wir bald den Gipfelgrat.

Der Hintergrat am Ortler von der Königssitze aus

Der Hintergrat am Ortler von der Königssitze aus

Obwohl wir am Horizont immer mal wieder ein paar Quellwolken beobachten konnten, zeigte sich das Wetter weiterhin von seiner guten Seite. Strahlend schien die Sonne auf uns herab, die ausgesetzte, ungesicherte Kletterei in den Felsen des Grates war fordernd, wir fühlten uns „sauwohl“ in diesem Gelände. Man kann den Flow förmlich spüren, Chris und ich zeigten keine Unsicherheit. An einem kleinen Überhang, den wir abklettern mussten, haben wir dann doch etwas mehr zugepackt. Nach einiger Zeit ging das Gelände wieder in einen Firngrat über. Jetzt hatten wir noch mit ganz anderen Problemen zu kämpfen: An vielen Stellen ragte verrosteter Stacheldraht hinaus. Ja, Stacheldraht! Nicht jeder konnte wie wir nach Lust und Laune auf dem Grat spazieren: Im Ersten Weltkrieg verlief die Kriegsfront genau über den Gipfelgrat der Königsspitze. Italienische und Österreichische Soldaten lieferten sich erbitterte Gefechte, viele Soldaten starben auch durch Kälte und Absturz. Die Unterstände der  Armee kann man noch heute dort oben finden, auch die Überreste einer alten Seilbahn sind zu sehen.

Im kombinierten Gelände

Im kombinierten Gelände

Gegen 10.30 Uhr erreichten wir über einen letzten, ausgesetzten Firngrat der Königsspitze. Die Aussicht war überwältigend: Im Norden „König“ Ortler und der Reschensee, im Osten der Blick ins sommerliche Vinschgau.

Am Langen Suldengrat

Am Langen Suldengrat

Nach einer kurzen Rast machten wir uns auf den langwierigen Abstieg via Normalweg, der uns zunächst über die 40 Grad steile Ostflanke führt. Der Schnee war sehr weich, was uns nicht unbedingt zugutekam. Ab dem Königsjoch ging es dann mal wieder im steilen Schutt weiter, diesmal zum Glück bergab. Schließlich erreichten wir den Gletscher, der unter der Königsspitze-Südostseite abfließt. Bald hatten wir wieder Schotte unter den Füßen, anstrengend waren noch einmal die 400 Hm Gegenansteig zur Casati-Hütte in der Mittagssonne. Auf der Hüttenterrasse lagen die Bergsteiger reihenweise in der Sonne, wir jedoch mussten über den Suldenferner noch bis nach Sulden absteigen.

Auf dem Gipfel der Königsspitze

Auf dem Gipfel der Königsspitze

Über den Eisseepass an Seilbahnstation und Schaubbachhütte vorbei gelangten wir schließlich zum Parkplatz im Tal, wo wir gegen 18  Uhr eintrudelten. Ein langer Tag ging mit einer Doppelportion Pasta zu Ende….

Seilfreier Abstieg über die Ostflanke

Seilfreier Abstieg über die Ostflanke