„Man ist in dieser Wand lange nicht mehr so weltentrückt, wie man es bis Ende der fünfziger Jahre war. Was bleibt, ist aber noch immer das ganz große Abendteuer, ist die äußerste Probe der Fähigkeiten und des Charakters“

aus: Erich Vanis, Im steilen Eis.

„Die Faszination Eiger besteht bis heute, auch wenn der Mythos, das Geheimnisvolle und das Tabu des „Ungeheuers“ einer realistischen Verwertung gewichen sind. Geblieben ist der Respekt vor dieser einmaligen Wand. Man hat begriffen, daß sich kein Berg, keine Wand, die Natur schlechthin erobern oder besiegen läßt“

aus: Heinrich Harrer, Die Weisse Spinne

Diesen beiden Zitaten ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Der Eiger und im speziellen die Eiger Nordwand ist ein Mythos – bis heute. Durch die Nähe zur Kleinen Scheidegg und damit zur Zivilisation is er vielen Menschen, die selbst mit Bergsport nichts zu tun haben, ein Begriff. Zahlreich Kinofilme (“Nordwand” mit Benno Führmann) fördern diesen Bekanntheitsgrad noch weiter. Ein gewaltiger Unterschied beispielsweise zur Grand Jorasses – deren Nordwand man nicht einmal vom Talort Chamonix zu Gesicht bekommt.

Bereits seit Mitte Februar steht die Nordwand “unter Bewachung” durch Charly und mich. Da wurde fast stündlich die Webcam auf der Kleinen Scheidegg mit Blick in die Wand angeklickt und mit diversen Wetterberichten verglichen. Ende Februar schein der passende Augenblick gekommen, doch dann zeichnete sich das Wetter doch als schlechter ab als zunächst angegeben. Wir verbrachten den Samstag mit Sportklettern in Ettringen und beschlossen einfach, das nächstbeste Wetterfenster zu nutzen.

Bald war es soweit: Am Sonntag, 08. März, machten wir uns auf den weiten Weg nach Grindelwald. Charly ist sogar am Tag vorher noch umgezogen und hat es geschafft, sich die Tage für den Eiger freizuschaufeln. Respekt 😉 Am frühen Nachmittag stellten wir das Auto in Grindelwald Grund ab (6 CHF pro Tag), packten unser Zeug zusammen und fuhren gegen 15 Uhr hinauf zur Kleinen Scheidegg und nach Umsteigen weiter bis zur Station Eigergletscher. Die einfache Fahrt kostete 34,20 CHF, man ist halt in der Schweiz…

Hinter der Hütte stellten wir die Rucksäcke ab und präparierten eine Spur zum Einsteig hinüber. Es war die ein oder andere Fußspur bis zu einer markanten Erhebung vorhanden, hinüber zum Einstieg und in der Wand konnten wir jedoch keine Spuren ausmachen. Nach dem Studieren des Topos und des ungefähren Routenverlaufes stapften wir zurück zur Station Eigergletscher.

Am nächsten Morgen klingelte um 3 Uhr der Wecker unbarmherzig. Doch wir stehen heute nicht einfach für irgendeine Tour auf, nein, die Eiger Nordwand wartet auf aus. Der Klassiker schlechthin und vielleicht so etwas wie ein alpiner Ritterschlag?! Wie dem auch sein, wir packten unsere Rucksäcke und stiegen hinüber zum Einstieg, wo wir gegen 5.15 Uhr mit der Kletterei begannen. Zunächst noch über weite Schneefelder, mit kurzen, vereisten Felsstufen, die einen richtig wach werden ließen. Vor einer giftig aussehenden Stufe packten wir die Seile aus und Charly stieg ganz souverän vor. Ich hatte im Nachstieg meine liebe Mühe und flog gleich mal voll ins Seil. Na Bravo!! Später fand ich heraus, dass man diese Stelle auch rechtshaltend umgehend kann…

Bald, nach einem Quergang nach rechts, standen wir unter dem Schwierigen Riss. Diese Seillänge sollte eine erste Prüfung für den viel weiter oben kommenden Quarzriss sein (V+), während der Schwierige Riss bei “nur” V- eincheckt…Understatement pur!

Hier sagen Schwierigkeitsbewertungen recht wenig aus! Charly meisterte den Riss souverän und weiter ging es am laufenden Seil bis zum Hinterstoisser Quergang. Die Fixseile waren zwar vorhanden, jedoch auf den ersten 10m total eingeschneit. Der Stand inmitten des Quergangs war von einem Eispilz total blockiert, es empfiehlt sich aktuell noch ca. 5m weiterzuklettern und dann Stand zu machen. Ein Fixseil leitet weiter zum Schwalbennest, dem ersten brauchbaren Biwakplatz der Route.

Weiter am langen Seil über das Erste Eisfeld und den anschließenden Eisschlauch auf das Zweite Eisfeld. Inzwischen war es schon Nachmittag geworden, und wir wollten heute mindestens bis zum Todesbiwak klettern. Das Zweite Eisfeld ist sehr lang. Am besten steigt man zunächst gerade hoch, um dann in einer langen Linksquerung das Bügeleisen zu erreichen. Auch hier ist relativ viel Eis gewachsen. Mittlerweile war die Sonne untergegangen und die Nacht brach herein, während wir hinauf zum Todesbiwak kletterten. Wie erwartet, war es nicht ausgegraben.

Wir machten uns sofort an die Arbeit! Bald kam unter dem geschützten Felsüberhang, der der beste Biwakplatz der ganzen Route ist, ein Bohrhaken zum Vorschein. Wir gruben uns eine Schneehöhle mit minimalsten Ausmaßen: Charly konnte gerade drin liegen, ich lag eigentlich mehr auf als neben ihm. Die Nacht war so alles andere als angenehm, aber was will man machen… Gegen 23 Uhr konnten wir schließlich ein bisschen schlafen und dösen, bevor gegen 2.30 ihr erneut der Wecker klingelte.

Ganz vorsichtig erhoben wir uns dem Biwak, um ja keinen Ausrüstungsgegenstand die Wand hinunterzuwerfen. Der Kocher wurde noch einmal in Betrieb genommen, um ausreichend Schnee für den langen Tag zu schmelzen. Bald brachen wir auf, das Dritte Eisfeld wartete auf uns. Eine weitere Linksquerung brachte uns an den Fuß der Rampe, die steil über drei kombinierte Seillänge hinauf zieht. Endlich ging es wieder einmal in Richtung Gipfel nach diesem ganzen Hin- und Hergequere!

Vorbei am Spanierbiwak (Bohrhaken) erreichten wir den Beginn des Wasserfallkamins. Nun wurde es sehr ernst. Charly musste zunächst Massen von Schnee abräumen, um an die wenigen schlechten Normalhaken zu kommen. Zusätzlich wiesen einige Reepschnüre den Weg. Sehr heikel kämpfte er sich über die glatten Begrenzungswände hinauf. Am nachfolgenden Stand auf der rechten Seite holten uns zwei starke Schweizer Kletterer ein, die die Nordwand an einem Tag klettern wollten. Der nun folgende Kaminriss war ebenfalls völlig vereist und bot zunächst sehr anspruchsvolle und heikle Eiskletterei, bevor sich die Steilheit etwas legte und durch einen kleinen Durchschlupf das Rampenreisfeld erreicht wurde. Wir dachten zunächst, dass es noch weiter hinauf ginge, jedoch schloss sich das Brüchige Band direkt rechts vom Rampenreisfeld an. Auch hier befanden sich einige Fixseile, außerdem wäre ein Biwak möglich gewesen.

Die nächste lange Seillänge zog sich hinüber zum Brüchigen Riss und durch diesen hinauf zum Beginn des Götterquergangs. Wir spüren die Müdigkeit, mittlerweile war es schon wieder um Mittag und wir wollten unbedingt an diesem Tag aus der Wand ausstiegen, absteigen und die Station Eigergletscher erreichen.

Der folgende Götterquergang ist sehr exponiert und leitet zurück in den zentralen Bereich der Nordwand. Am langen Seil querten wir (mal wieder) sehr exponiert nach rechts, um anschließend über die Spinne uns dem Ausstieg zu nähern. Mittlerweile musste ich wegen der Erschöpfung hin und wieder Ruhepausen einlegen. Wir kletterten weiter in Richtung des Quarzrisses, der vollständig vereist war. Am letzten Stand vor diesem (Bohrhaken) steig Charly wieder “normal” vor. Eiswaben erleichterten die Kletterei über die ansonsten spiegelglatte Platte deutlich.

Über das Cortibiwak ging es sogleich weiter in die Ausstiegsrisse, die ebenfalls vollständig vereist waren. Die nachfolgenden zwei Seillängen boten recht gute Eiskletterei, bevor sich das Gelände etwas zurücklegte und wir am langen Seil über das Gipfeleisfeld zum Ausstieg der Nordwand kletterten.

Wir hatten es geschafft, die EIGER NORDWAND war durchstiegen. Und das ohne Akklimatisierung, für die uns zwei Nordlichter schlicht einfach keine Zeit blieb. Beide wussten wir allerdings, dass wir uns sputen mussten, um zumindest noch im Hellen den Gipfel zu erreichen! Der Mittellegigrat war nämlich sehr ausgesetzt, und trotz der vorhandenen Spuren durch die Schweizer sehr anspruchsvoll zu begehen. In einem Grateinschnitt packten wir das Seil weg, den genutzt hätte es im Sturzfall nichts mehr.

Gegen 18:40 Uhr, passend zum Sonnenuntergang, standen wir auf dem Gipfel des Eiger (3970m). Trotz der einbrechenden Dunkelheit war die Aussicht fantastisch! Allerdings mussten wir uns jetzt wirklich sputen, um wenigstens die ersten Meter noch im Hellen abzuklettern! Leider versagte Charlys Stirnlampe, sodass wir mit nur einer Lichtquelle den langen (1700 HM) Abstieg starteten. Wir entscheiden uns für den Abstieg über die Westflanke, da dieser eigentlich deutlich schneller sein sollte als der über den Westgrat (Normalweg). Außerdem verstiegen wir uns in der Dunkelheit im permanenten 40° steilen Gelände, sodass wir ein wenig von der Route abkommen. Nach drei Stunden auf den Frontalzacken der Steigeisen flacht das Gelände etwas ab, sodass wir nochmal eine kleine Pause machen und etwas heißes zu trinken kochen. Nach weiteren zwei Stunden kommen wir schließlich fix und fertig an der Station Eitergletscher an. Die Nordwand ist geglückt, was kommt nun?