Schon lange hatte ich den Wunsch, einen Klettertrip in den Harz zu machen. Doch leider hat es bisher nie geklappt. Inspiriert durch ein Foto im “Klettern“-Magazin, welches den spektakulären Kurfürst-Westgrat zeigt, wollten, nein mussten wir diese Tour unbedingt einmal klettern.

Das von uns besuchte Okertal ist der Hotspot zum Klettern und Bouldern und liegt im westlichen Teil des Harzes. Günstige Übernachtungsmöglichkeiten stellen die Campingplätze in Altenau (Camping Okertalsperre) oder der Campingplatz in Göttingerode  dar.

Den ersten Tag widmeten wir uns ganz dem Bouldern im Okertal. Verschiedene Sektoren, so z.B. das Tränketal oder die Unteren Studentenklippen, machten Lust auf mehr. Der Zustieg erfolgte vom Parkplatz Marinewand durch meist dichtestes Gestrüpp. Und das war mit dem unhandlichen Crashpad manchmal gar nicht so einfach. Doch die perfekte herbstliche Stimmung sowie die wunderschönen Boulder machten dieses Manko wieder wett! Und zum Erlernen von Risstechniken ist das Boulder auch nicht verkehrt, gell? 🙂

Die Nacht war dank der dicken Daunenjacke und des guten Schlafsackes sehr warm, trotz frischer Außentemperaturen.

Den folgenden Tag wollten wir unsere Kenntnisse im Legen von mobilen Sicherungen weiter vertiefen. Und was bietet sich dafür besser an als bombenfester Granit mit herrlichen Rissen? Da es uns prinzipiell gleich war welchen Felsen wir ansteuern wollten, wählten wir die Untere Studentenklippe mit dem nun schon bekannten Zustieg. Die Kletterei war nie wirklich schwer – wir kletterten aber auch nicht schwerer als den VI. Grad 😉 Spaß beiseite, auf Schwierigkeitsgrade hatten wir überhaupt keine Lust zu achten, vielmehr war höchste Konzentration bei der Absicherung der komplett cleanen Kletterrouten vonnöten! Binnenkante, Pfeilerweg, SW-Wand, Südwandpfeiler – Kletterherz, was willst du mehr!?

Zeittechnisch verging der Tag natürlich rasend schnell, und am Sonntagabend mussten Jessica und Thorben leider wieder abreisen. Jens und ich blieben noch den Montag im Gebiet, schließlich hatte ich mit der eingangs erwähnten Inspiration noch eine Rechnung offen 🙂 Vom Parkplatz am ausgetrockneten Romkerhaller Wasserfall suchten wir uns den Weg zum markanten Kurfürst. Mal wieder durch dichtestes Gestrüpp erreichten wir den idyllischen Wandfuß. Über unseren Köpfen thronte der Westgrat (IV+, 2 SL). Zugegebenermaßen, die Bewertung klingt jetzt nicht gerade spektakulär. Aber andererseits, so richtig wussten Jens und ich auch nicht was uns erwartet…

Den Einstieg erreichten wir – na klar – wieder durch dichtestes Gestrüpp. Die erste Seillänge zog sich über eine tolle Reibungskante, war jedoch nicht zu schwer. Da der Weiterweg erst einmal nicht genau einsehbar war, machte ich an einem Baum Stand. Jens kletterte routiniert hinterher und wir tauschten das Material aus. Und dann die 2. Seillänge: Nach einigen Rissen (in denen ich leider meine großen Camalots versenkte) erblickte ich einen Offwith-Riss, der sich genau bis zum eigentlichen Standhaken zog. Zur Erläuterung: Ein Offwith-Riss ist ein so breiter Riss, dass man seine Schulter, Beine oder gleich den ganzen Körper darin verklemmen muss. Da sich meine Erfahrung in solchen Rissen in Grenzen hielt, sorge ich zunächst einmal für die Sicherheit: die 240cm Bandschlinge um eine große Schuppe war die beste Art der Absicherung. Mehr piazend als sauber klemmend erreichte ich völlig adrenaliert den Stand – wir befinden uns im IV. Grad!

Jens konnte im Nachstieg auch nur ungläubig den Kopf schütteln. Das heißt nicht dass es uns keinen Spaß gemacht hat. Eine eindrücklichere Seillänge bin ich in einem deutschen Mittelgebirge im IV. Grad noch nicht geklettert.

Der Weiterweg war etwas unklar. Leider vergaßen wir das Topo abzufotografieren und erreichten über einen Umweg durch den Wald die Abseilscharte. Das kann nicht richtig sein, schoß es uns beiden durch den Kopf, bevor wir nach dem Abseilen den spannenden Blick auf den Routenverlauf im Kletterführer warfen. Und tatsächlich: Das Tüpfelchen auf dem i hatten wir einfach ausgelassen. Da hilft nur eines: Neustart!

Die erste Seillänge stieg ich nun direkt bis zum Standhaken vor, wohlwissentlich die großen Friends für den Abschlussriss aufsparend. Und dann: Vom Stand direkt auf die senkrecht darüber liegende Platte kletternd, platzierte ich meine beiden größten Camalots in einem guten Querriss. Die nun folgende Bewegung auf eine darüber liegende Platte kann nur mit vollstem Vertrauen in den Reibungskoeffizienten der Kletterschuhe ausgeführt werden. Entschlossenes Antreten auf irgendwie trittlosem, aber doch reibungsstarkem Granit, bevor ein weiterer Camelot versenkt werden kann. Gerettet! Nun hatte ich mal Zeit, mich an der umliegenden Aussicht zu erfreuen, und die war echt nett! Die nachfolgenden Meter waren Genuß pur, bevor wir Jens und ich uns wirklich am Abteilstand abklatschen konnten. Geschafft!

Liebe Leute, für ein Abenteuer müssen wir Nordlichter nicht immer in die fernen Alpen fahren. Geht in den Harz, macht eure Erfahrungen auch mal an heimischen Felsen. Es lohnt sich!

Literatur:

Heiko Apel – Harz Block 2. Auflage

Klaus Paul – Westharz