Ein paar Tage Freizeit vor dem nächste Studiensemester schrien ja förmlich nach einer Bergtour. Aber leider hatte niemand Zeit, mit mir gemeinsam auf Tour zu gehen. So blieb nur eine Möglichkeit: Allein in die Berge fahren und das beste draus machen. Relativ schnell hatte ich mir auch passende Ziele herausgesucht: In Abhängigkeit vom allseits bestimmenden Wetter war das Berchtesgadener Land diesmal das Ziel der Wahl. Durch dichten Nebel (ohje!) machte ich mich von Augsburg auf den Weg. Zuvor hatte ich mit Niklas bereits eine tolle Tour im Tannheimer Tal gemacht.

Am frühen morgen trudelte ich in der Ramsau ein. Zunächst stand eine kleine Einlauftour an, da ich seit Ende August nicht am Berg war und die Tageszeit für eine Watzmannüberschreitung schon zu weit vorgeschritten war. Die etwas kürzere Tour zum Rotpalfen (2367m) und vielleicht sogar weiter zum Hochkalter (2606m) von der Ramsau aus war da genau das richtige Ziel.

Vom Ausgangspunkt, dem Parkplatz (790m) kurz hinter dem Weiler Datzmann, kurbelte ich den ersten Teil des Anstiegs mit dem Mountainbike hinauf. Steil ging es die gute Forststrasse hinauf, doch kurz vor dem Holzwendeplatz war Schluss. Durchfahrt für Mountainbiker verboten! Also Fahrrad an den nächsten Baum geschlossen und weiter zu Fuß über einen guten Forstweg zur Schärtenalm (1362m), wo ich die erste kurze Rast einlegte. Wie die meisten Hütten war auch diese Jausenstation bereits geschlossen. Kurz nach der Alm bot sich zum ersten Mal ein Blick auf das Tagesziel.

Der Fahrweg führte noch einige Meter weiter, bevor dieser an der Materialseilbahn-Talstation endete. Hier begann ein kleiner Steig, der sich durch Latschen, unter Felswänden und durch Blockfelder hoch zur Blaueishütte (1740m) schlängelte. Ab nun war der Weg nicht mehr schneefrei, doch die heftigste Spurarbeit sollte noch auf mich warten. Über den gut markierten Weg ging es nach einer kurzen Rast weiter Richtung Blaueisgletscher. Unterwegs traf ich auf eine interessante Hinweistafel:

Ab der Wegverzweigung bei P. 1760m wurds ernst. Nix mehr vom Weg zu sehen, stattdessen Spuren bis zum Oberschenkel in der grundlosen Schneedecke. Aber ich war ja nicht zum Spaß hier, sondern um ein wenig meine Kondition zu trainieren. Ich hielt mich leicht rechts des eigentlichen Weges, um die Geländeformationen besser ausnutzen zu können und stieg direkt zum Wasserwandkopf (2065m) auf. Leichte, aber ausgesetzte Kletterei führte mich hoch zum Grat und von da aus in ca. 20m zum “Gipfel”. Vorsichtig kletterte ich zur Scharte hinab, wo der Weg von der Blaueishütte hoch kommt und setzte meinen Weg in Richtung des Hochkalters fort. Mal spurend, mal auf trockenem Fels kletternd erreichte ich die Schlüsselstelle der Tour: ein kurzes Wändchen im 3. UIAA Grad:

Problemlos überwand ich diese Steilstufe, um anschließend kletternd und spurend den Weg Richtung Rotpalfen fortzusetzen. Gegen 15 Uhr war ich oben. Jedoch war der Weg zum Hochkalter für diese Verhältnisse für mich zu weit, da ich sonst die schwierigen Stellen im Abstieg nicht mehr bei ausreichend Tageslicht bewältigen konnte.

Der Abstieg ging dank gelegter Spur und deponiertem Mountainbike zügig vonstatten, sodass ich um 18 Uhr wieder am Auto war. Eine schöne Vorbereitungstour für den nächsten Tag, auch um schonmal die Verhältnisse am Grat zu prüfen:

Durch den teilweise starken Wind rechnete ich mit einem abgeblasenen Bergrücken auf dem Weg zum Hocheck. Am Grat selbst liegt recht wenig Schnee, sodass eine Überschreitung durchaus möglich ist. Also ausruhen, Kräfte regenerieren und Rucksack (intelligent) packen. Für den schneefreien Hüttenaufstieg und den langen Abstieg packte ich zusätzlich meine Joggingschuhe ein. Am Grat wollte ich natürlich die dicken Winterbergstiefel anziehen, sodass ich zwei paar Schuhe mitnahm. Meine anderen Lederbergstiefel waren vom heutigen Spuren im Schneefeld völlig durchnässt.

Am nächsten Tag startete ich um 4.20 Uhr vom Parkplatz Wimbachbrücke. Im Schein der Stirnlampe stieg ich über schneefreie Forststraßen zur Stubenalm und weiter zur Mitterkaseralm (1400m) auf, wo ich wegen des zunehmenden Schnees von den Joggingschuhen auf die Bergstiefel wechselte. Der Sonnenaufgang über dem Hohen Göll war klasse:

Deutlich Steiler ging es nun hinauf zum schon weithin sichtbaren Watzmannhaus (1910m), welches ich gegen 7 Uhr erreichte. Eine kurze Rast auf einer windgeschützen Bank nahm ich zur Gelegenheit, die Verhältnisse auf dem Weg zum Hocheck zu prüfen. Sollte hier zu viel Schnee liegen, würde ich zu lange brauchen und durch das Spuren zu viel Kraft verbrauchen. Zum Glück deckte sich meine Einschätzung vom Vortag mit den angetroffenen Verhältnissen, soadass ich meinen Weg bedenkenlos fortsetzten konnte. An einigen wenige Stellen versank ich wadentief im Schnee, aber meist war es so abgeblasen, dass ich den Weg noch problemlos erkennen konnte. Stellenweise waren auch recht frische Fußspuren zu erkennen. Über eine kurze, vereiste Steilstufe näherte ich mich dem Hocheck (2651m).

Nach einer kurzen Rast in der Biwakschachtel direkt unterhalb des Hocheck (Zustand: sehr gut!) machte ich mich an die eigentliche Watzmannüberschreitung. Ich kannte den Weg bereits ein wenig von einer Familientour, die uns im Juli 2006 bis zur Mittelspitze (2713m) führte. Nun herrschten jedoch völlig andere Verhältnisse.

Der Grat war stellenweise tief verschneit und an einzelnen Stellen unangenehm vereist. Trotzdem konnte ich alles ohne Steigeisen gehen. Überwiegend war das Gelände sogar schneller als im Sommer zu begehen, da ich gar nicht so exakt im Fels antreten musste. Im Schnee setzte ich den Fuß und er hielt gut, sodass ich es in einer halben Stunde vom Hocheck zur Mittelspitze schaffte. Der Föhn nahm wieder etwas zu, und da es keinen windgeschützen Platz für eine kurze Verschnaufpase gab, machte ich mich sofort weiter auf zur Südspitze.

Nun sah die Sache ganz anders aus: Während der Weg vom Hocheck zur Mittelspitze überwiegend gut versichert ist und nur leichtes Klettergelände beinhaltet, sind die ausgesetzten, schwierigeren und unversicherten Stellen des Watzmanngrates vor allem auf dem Weg von der Mittelspitze zur Südspitze zu finden.

Zunächst ging es ausgesetzt über den ungesicherten Grat. Nach einigen Metern tat sich der oben abgebildete Steilabbruch auf, der allerdings mit Drahtseilen ganz gut versichert ist. In ständigem Auf und Ab stieg ich weiter über den Grat. Die Route verlief meistens auf der Westseite, an einer Stelle muss jedoch ausgesetzt in die Ostwand gequert werden. Die Bedingungen am Grat waren weiter anpruchsvoll, die Steigeisen und das Eisgerät blieben weiter am bzw. im Rucksack. Auch das Tempo konnte ich gut halten, sodass ich den Weg von der Mittelspitze zur Südspitze in einer guten Stunde absolvieren konnte. Etwas anstrengend war das Spuren auf den Bändern in der Westwand – dort konnte sich der Triebschnee etwas absetzten.

Eine letzte kombinierte Stelle (Drahtseil vorhanden) führte mich hinauf zur Südspitze, die ich gegen 13 Uhr erreichte.

Die Tour war allerdings noch nicht zuende. Es wartete ein langer Abstieg über 2100 Hm in das Wimbachtal hinunter, der laut Beschreibung nicht immer leicht zu finden sein sollte. Von der Südspitze querte ich entlang des Grates in die zweite, markante Rinne.

Weiter ging es über Bänder. Wenn die Markierungszeichen (wie meistens) nicht verschneit waren, ist der Abstieg ganz gut zu finden. Über Schotterfelder und leichte Kletterstellen (bis 2) suchte ich mir den besten Abstiegsweg. Bald kamen die ersten Wegspuren in Sicht, die ich jedoch meist wegen zu viel Schnee umgehen musste. Dann kamen die großen Schuttströme des Wimbachgrieses in Sicht. Durch Lärchenwald zog sich der Weg steil hinab. Plötzlich stand ich vor einer letzten Steilstufe, die mich auf den Schuttstrom brachte. Ich hatte die Überschreitung geschafft und musste “nur” noch zu meinem Ausgangspunkt zurückkehren. Über verschneite Wege setzte ich meinen Weg zur Wimbachgrieshütte fort, wo ich meine Bergstiefel gegen die Laufschuhe getauscht hatte. Welch Wohltat, endlich wieder einen leichten Schuh zu tragen!

Dementsprechend flott gings Richtung Auto, was ich in der Dunkelheit gegen 18 Uhr erreichte. Solo über den Watzmann – 13,5h und 2350 Höhenmeter!

Ausrüstung:

Entsprechend meines Könnens habe ich am Grat nicht gesichert. Dies spart natärlich viel Rucksackgewicht. Der einzige “Luxus” waren die Laufschuhe für den Zu- und Abstieg über Forststrassen. Steigeisen und ein Eisgerät habe ich zwar eingepackt, beides kam allerdings nicht zum Einsatz. 2l Wasser waren genau der richtige Kompromiss aus zu wenig und zu schwer. Drei Gels und zwei Tafeln Schokolande war die einzige Verpflegung.