Was tun, wenn das Verlangen nach einer ausgefüllten Tagesunternehmung besteht, jedoch im Umkreis von drei Autostunden keine Wand höher als 60m ist? Richtig, man kombiniere verschiedenste, klassisch abgesicherte Sportklettertouren zu einer Mammutroute mit insgesamt 1570 Klettermetern. Dies sollte für einen ausgefüllten Klettertag sorgen. Nach einiger Recherche im Internet stand der Plan: Innerhalb eines Tages sollte es über 18 Grate hoch über dem Okertal im Harz gehen – die Idee zu Okertal integral war für uns geboren! Jedoch ist dies nichts neues, in diversen Internetforen finden sich Berichte zu dieser Unternehmung, bei der auch schon ein Biwak absolviert worden ist. Dies verleiht der Tour natürlich einen ganz besonderen alpinen Charakter – mein Kletterpartner Manuel und ich wollten diese Tour jedoch möglichst an einem Tag mit leichtem Rucksack angehen.

Start an der Adlerklippe

Schließlich standen wir Mitte Mai am für uns definierten Ausgangspunkt an einem Gasthaus kurz hinter dem Ortsausgang von Oker. In den nächsten Stunden überschritten wir nacheinander Adlerklippe, Überhangfels, Passo di Ball, Tofana und schließlich den Kunz, wo wir erstmals eine kurze Pause einlegten. Wir kletterten alles in Bergstiefeln, was einerseits das lästige Schuhwechseln erspart und andererseits für ein rustikales alpines Flair sorgte.

Abseilen von der Adlerklippe

Ohne Biwak über alle langen Grate des Okertals – für uns die ultimative alpine Herausforderung im Norden!

Zum Schlafenden Löwen war es nun ein kurzes Stück hinab durch steilen Bergwald. Meist ist es so, dass mehrere Grate überschritten werden können, bevor man wieder ein paar Höhenmeter in den Talboden absteigen muss. Die Südostkante am Schlafenden Löwen ist ein richtiger Klassiker, der auch öfters begangen wird. Der Großteil der Felsen auf unserer Tour wird hingegen nur selten gemacht. Übrigens: Keine Route ist schwerer als IV+. Wer allerdings jetzt meint, die Tour sei ein Klacks, hat sich gewaltig geirrt.

Vergleichsweise schöne Kletterei an der SO-Kante am Schlafenden Löwen

Die gewaltige Kletterstrecke von 1,5 Kilometern, die weitestgehend cleane Absicherung und die über 1000 Höhenmeter machen die Kombination der Grattouren zu keinem Zuckerschlecken. Natürlich respektierten wir die derzeit gültigen Naturschutzregelungen. Diese besagten eine (temporäre) Sperrung der Uhuklippen, der Nödl. Scheckenköpfe, sowie des Großen Scheckenkopfes. Nachzulesen sind diese Regelungen übrigens auf den Seiten der IG Klettern Niedersachsen.

Eine der heikelsten Routen war die Ostseite des Wasserfelsens. Nach der Überquerung der Oker kämpfte ich mich im Vorstieg in Bergstiefeln den markanten nassen Kamin in Bildmitte hinauf – die IV+ war nicht geschenkt und in meinen Augen gnadenlos unterbewertet!

Wasserfels - einer der heiklen Routen

Nach dem Wasserfelsen folgten Kleiner und Großer Dülfergrat, bevor es über die Marienwand zum recht zugewachsenen Gratweg der Teufelskanzel ging. Mittlerweile hatten wir schon einige Klettermeter in den Armen und Kilometer in den Beinen. Die Tour lässt sich ausnahmslos gut mit Friends absichern, der rau strukturierte Okertal-Granit bietet phantastische Risse.

Kleiner Dülfergrat - Gratweg

Nach der Teufelskanzel folgte der lange Marsch zur Rabowklippe. Diese steht etwas isoliert von den übrigen Felsen ganz am höchsten im Okertal, noch südwestlich des Romkerhaller Wasserfalls. Für den langen Fußweg bekommt man jedoch eine der spektakulärsten Seillängen Norddeutschlands geboten, wie ich finde. Aber sehr selbst, hier Manu hoch oben am Südgrat:

Durchs Gestrüpp zum Passo di Ball

Und jetzt ratet mal über die Bewertung: Na?? Richtig: III-.

Im Alpinismus sind Schwierigkeitsgrade oftmals Nebensache, viel mehr steht doch das Erlebte im Vordergrund.

Der Abstieg von der Rabowklippe war genau so alpin wie sein Aufstieg. Einmal Abseilen, anschließend rutschen wir durch eine erdige Rinne hinab zur Straße. Die wildeste Route bisher, aber noch war eben nicht aller Tage Abend!

An der Romkerhall füllten wir unsere Flaschen auf, und aßen die letzten Riegel. Es folgte ein weiterer Marsch zum klettertechnischen Highlight. Kurfürst Westgrat, der mir von vorherigen Begehungen schon bekannt war. Aber nun hatten wir die Bergstiefel an, und das würde das ganze nicht einfacher machen. Die bis jetzt absolvierten 1000 Klettermeter trugen ebenfalls nicht zu unserem Wohlbefinden bei…

Um es kurz zu machen: Nach diesem Grat war Schluss. Aus fix und vorbei, wir waren am Ende unserer Kräfte. Sowohl die Kletterei, aber vielmehr die Wegfindung durchs Unterholz hatten unsere Kräfte an diesem heißen Tag Mitte Mai verbraucht. Wir mussten also noch einmal wiederkommen…

Doch schon nah zwei Wochen waren wir wieder am Start. Schließlich galt es, das offene Projekt zu erledigen. Zwischendurch hatte ich noch die Hochferner-Nordwand geklettert, aber das ist eine andere Geschichte. Und wieder durften wir die Runde von vorn anfangen, Manu beim Start an der Adlerklippe:

Und diesmal machten wir die Runde tatsächlich voll! Gegen Abend standen wir nach dreizehn Stunden Klettern und Wandern auf dem Gipfel des Ziegenrückens! Norddeutscher Alpinismus halt…

 

Facts:

Okertal integral – eine Kombination von 18 verschiedenen Grattouren an den Granitfelsen des Okertals.

1500 Klettermeter, >1000 Höhenmeter, ca. 15km Distanz

Material: Camalots bis Gr. 4, 40m Einfachseil ausreichend, das übliche Stand- und Sicherungsmaterial. Die Absicherung ist eher als alpin zu bezeichnen, nur die wirklich wichtigsten Zwischenhaken sind vorhanden.