Denkt man an den Karakorum, tauchen sofort Bilder von einigen der höchsten Berge der Welt auf: K2 (8611m), Gasherbrum 1 (8080m), Broad Peak (8051m) sowie der Gasherbrum 2 (8031m) sind wohl jedem Bergsteiger ein Begriff. Doch was liegt östlich dieser Gebirgsgruppe? Das Shaksgam Valley kennen hierzulande nur die wenigsten, stellt dieses schwer zugängliche Tal den chinesischen Zugang zu dieser eindrucksvollen Achttausender-Kette dar. Und genau dieses Zahl mit seinen unzähligen Gipfelmöglichkeiten war das Ziel der internationalen Shaksgam Expedition 2014, bei der neben Peter Meznar und Ales Holc (SLO), Dmitry Shapovalov (UKR), Rob Duncan und Jesse Mease (USA), Bruce Normand (UK) auch drei deutsche Kletterer dabei waren: Harry Kirschenhofer (Ulm), Christof Nettekoven (Bonn) und Lukas Brexler (Ennigerloh) haben eine Gruppe von unbestiegenden Sechstausendern im Visier. Schon die Vorbereitungen erwiesen sich aufgrund der geringen Infrastruktur und Erschließung des Gebietes als anspruchsvoll. Zum Glück war es für Christof, der die Reise mit organisierte, nicht die erste Expedition. Das war bei mir aber sehr wohl der Fall! Harry konnte mit der Erstbesteigung eines Sechstausenders in Pakistan ebenfalls Expeditionserfahrung vorweisen.

Mitte Juni war es endlich soweit, nach unzähligen Tagen und Wochen der Vorbereitung bestiegen wir in Frankfurt/Main ein Flugzeug, um via Antalya nach Bishkek/Kirgistan zu fliegen. Beim Umsteigen in Antalya trafen wir Peter und Ales – gemeinsam ging es nach Bishkek weiter. Nach der Ankunft wurden wir von Valeria, unserem Fahrer bis zur kirgisisch-chinesischen Grenze, empfangen. Anschließend ging es mit einer Zwischenübernachtung in Tasch-Rabat, einer Jurtensiedlung auf 3200m, zur chinesischen Grenze. Unsere Befürchtungen, das Expeditionsgepäck wird von den Zöllnern nach „verbotenen“ Waren komplett auseinander genommen, bewahrheitete sich zum Glück nicht. Satellitentelefon und GPS-Gerät sind im Shaksgam Valley, das ja an der politisch etwas problematischen Grenze zu China liegt, nicht so gern gesehen…

Auf chinesischer Seite wurden wir von unserem Guide Adil empfangen. Weiter ging es per Kleinbus 300km über meist gute Straßen bis nach Kashgar, wo wir im Old Town Hostel die übrigen Expeditionsmitglieder trafen. In den nächsten zwei Tagen erfolgte die Weiterfahrt nach Ilik über zunehmend schlechter werdende Straßen, doch dank der Toyota Land Cruiser hatten wir damit keine Probleme. In Ilik übernachteten wir ein letztes Mal in der Zivilisation im haus des Kameltreibers – am nächsten Morgen sollte es mit sieben Tragetieren in Richtung Shaksgam Valley gehen!

Am nächsten Morgen starteten wir zu unserer viertägigen Trekkingtour. Waren die ersten zwei Tage abgesehen von diversen Bachdurchquerungen noch recht gemütlich, spürten wir am dritten Tag die Höhe von 4800m am Agil Pass sehr. Jedoch förderte dieser kurze Höhenaufenthalt unsere Akklimatisation sehr, sodass wir am vierten Tag unser Basecamp auf 4200m ganz gemütlich und bei guter Gesundheit erreichten. Nach dem Herrichten der Zeltplätze machten wir es in unsren Zelten gemütlich und richteten uns häuslich ein. Schließlich wollten wir uns hier für die nächsten 12 Tage wohl fühlen und müssen uns von den Strapazen am Berg etwas erholen können.

Bereits am nächsten Tag stieg Harry zusammen mit Dmitry, Rob, Jesse und Bruce in Richtung Durbin Kangri auf. Die Slowenen, Chris und ich erholten uns im Basecamp vom Anmarsch und akklimatisierten uns ein wenig. Am Nachmittag erkundete ich allein den weiteren Talverlauf, brach meinen Versuch allerdings am Beginn eines schmalen Canyons ab. Das würde ein hartes Stück Arbeit werden! Gegen Abend kam Harry recht erschöpft zurück und berichtete von einem schwer zu bewältigenden Canyon und einem gefährlichen Gletscherzustieg. Das hieß ja nichts gutes. Die folgenden drei Tage verbrachten wir, unser benötigtes Material ins ein vorgeschobenes Basislager (ABC) auf 4800m zu transportieren, um dort den Akklimatisationsprozess weiter voran zu treiben. Währenddessen waren die anderen Teams nicht untätig: Peter und Alec erkundeten ihr Seitental und hatten ebenfalls mit einem komplizierten Canyon zu kämpfen. Und Bruce, Dmitry, Rob und Jesse akklimatisierten sich schon mal am ersten Sechstausender. Stark, Jungs!

Nun war für uns auch der Zeitpunkt gekommen, ein Hochlagerdepot einzurichten. Dazu packten wir Essen für 4 Tage, Klettermaterial und Schneeschuhe zusammen und verteilten alles auf 3 gleich schwere Lasten. In der Früh gegen 7 Uhr marschierten wir am ABC ab, querten ein Schneefeld und standen vor dem bis dato gefährlichsten Abschnitt der Tour. Direkt unter der Gletscherzunge galt es schräg hinauf einen Hang zu queren, nach ca. 30m war man aus dem gröbsten hinaus. Morgens war es noch ruhig, doch bei unserem Abstieg am Nachmittag schlugen im Sekundentakt die Steine ein. Diese kamen von der oberen Gletscherzunge und waren deshalb für uns erst kurz vorher sichtbar. Danach schlugen wir uns durch unwegsamer Geröll, betraten ca. bei 4800m die Gletscherzunge und standen auch schon am Depot von den Amerikanern.

Nun ging es den Gletscher weiter hinauf, bis auf eine Höhe von 5000m, wo wir die Schneeschuhe anlegten. In einem langen Rechtsbogen stampfen wir weiter bis auf 5300m, wo wir den Depotsack abwarfen und uns wieder auf den Rückweg machten. Leider hat sich Christof an diesem Tag sehr verausgabt, sodass er am nächsten Tag ins Basislager absteigen musste. Harry und ich steigen mit einer Zwischenübernachtung auf 4800m zusammen mit Dmitry ins Hochlager auf, dass wir noch ein Stück weiter auf 5400m schoben. Nach einer stürmischen Nacht war gegen 2 Uhr an einen Aufbruch nicht zu denken, auch gegen 4 Uhr war die Situation nicht besser. Gegen Tagesanbruch besserte sich das Wetter jedoch merklich, sodass wir nun doch gegen 8.30 Uhr in Richtung Gipfel aufbrachen. Das Gelände war nicht allzu schwer, nur an einer Stelle betrug die Steilheit mehr als 45 Grad. Nach seilfreier Überwindung erreichten wir den Gipfelgrat, auf dem es weitere 400 Hm bergan ging. Gegen 13.30 Uhr schließlich standen wir nach zähem Steigen im tiefen Schnee endlich auf dem Gipfel des Xiao Kangri (6102m).

Der Rundblick, vor allem in die Nordwand des gegenüberliegenden Durbin Kangri 1 war fantastisch! Noch dazu war diese Erstbesteigung mein erster Sechstausender, sodass ich doppelten Grund zu Freunde hatte! Der Abstieg war für mich sehr fordernd, wir kamen aber nach 2 Tagen alle wohlbehaltend im Basecamp an. Nur einen Tag später bestiegen Dmitry und ich in einer Tagestour ab Basislager den Kulquintubulak Tower (5290m), wieder eine Erstbesteigung!

Mit diesen zwei Erfolgen in der Tasche traten wir den Rückweg nach Deutschland an, wo wir am 13. Juli wieder eintrafen. Die übrigen Mitglieder bleiben noch 2 Wochen länger am Berg.

Nur wenige Tage nach unserer Expedition erreichte uns die schreckliche Nachricht, dass unsere slowenischen Freunde Ales Holc und Peter Meznar vermisst sind. Man kann nur spekulieren, was den beiden sehr erfahrenen Bergsteigen passiert ist. Eine Suche nach den beiden ausgebildeten Bergretter durch das amerikanischen Teams war wegen des gestiegenen Wasserspiegels im Canyon nicht möglich. Auch Hubschrauberflüge des chinesischen Militärs blieben erfolglos. Unser Mitgefühl gilt den Familien von Peter und Ales sowie ihren Bergkameraden aus Slowenien.