Nach unserer erfolgreichen Begehung der Bügeleisenkante am Vortag und dem Zustieg mit den schweren Rucksäcken spürten wir unsere Knochen doch ganz gut. Trotzdem wollten wir das heutige gute Wetter nutzen: An der Sciora di Fuori gibt es eine aus mehreren Routen bestehende Kombination, die zunächst über gut gesicherte Wandkletterei und später direkt am Grat weiter bis ganz hinauf zum Gipfel leitet.

Vom Biwakplatz war es nur eine gute eineinhalb Stunden Zustieg über Moränengelände, bis wir das steile Einstiegsschneefeld vor uns hatten. Ich legte aus Erfahrung vom Vortag die Steigeisen an, da das gestrige Schneefeld unangenehm hart war und ich keinen Ausrutscher riskieren wollte. Nach einigem Suchen fanden wir auch den Einstieg. Das Drucken des passenden Topos aus Panicos „Im extremen Fels“ in Schwarz-Weiß hat sich nicht bewährt, die Routenlinie war auf dem Wandbild fast nicht zu erkennen. Also nächstes Mal in Farbe…

Ich startete in die erste Seillänge und gleich weg war ich gefordert, trotz „nur“ 5a. Die gute Absicherung mit 2-3 Bolts pro Seillänge war optimal. Diese waren genau an den entscheidenen Stellen platziert. Das nenn ich mal eine gute Absicherung! Trotzdem muss selbst dazu gelegt werden, Sportklettern sieht definitiv anders aus.

Due sieben Seillängen bis zur großen Geröllterrasse spulten wir zügig in Wechselführung ab. Bereits vom Zustieg aus war die markante Verschneidung in Wandmitte sichtbar, die nun auf uns wartete. Und was war das für eine Verschneidung! Zunächst noch eine Seillänge relativ gut gesichert (5c, 4 Bolts, konnte aber auch gut gelegt werden) bis zum ersten Stand in der Riesenverschneidung. Und dann hieß es: Klettern und Nerven behalten. Absolut den Reibungskletterschuhen vertrauend tastete ich mich langsam im Verschneidungsgrund höher. Die Camalots waren überwiegend gut. Zwei Bohrhaken beruhigten zwischendurch die Nerven, bevor ich erleichtert den Stand einhängte. Die eindrücklichste Seillänge bisher. Nach der folgenden zweiten Seillänge in der Verschneidung bis unter den Turm entschlossen wir uns, über die Route abzuseilen.

Zum einen wussten wir nicht, ob wir den Schwierigkeiten im oberen Wandteil (bis 6c) wirklich gewachsen waren, nachdem uns die 5c-Seillängen schon so viel Respekt eingeflößt hatten. Aber Granit ist eben nicht Kalk (in dem wir uns normalerweise bis 7a durchaus bewegen können). Zum anderen war auch die Tageszeit einigermaßen fortgeschritten und wenn wir am morgigen Tag noch eine große Tour folgen lassen wollten, durften wir auch nicht zu spät am Biwakplatz sein. Aus diesen Gründen traten wir die problemlose Abseilfahrt nach unten an. Mal sehen, vielleicht wird die Route nochmal vollendet…

Facts: Sciora di Fuori, Nordwestkante. Der klassische Einstieg verläuft weiter rechts, wir sind direkt eingestiegen (Via Diretta Integrale). Ein Topo gibts z.B. beim Panico „Im extremen Fels“, aber nur für den unteren Teil. (Anmerkung: Wie doof ist das denn? Wenn ich für 50 Euro einen Kletterführer verkaufe kann ich doch wohl auch ein vollständiges Topo dabei legen, oder?). Alternativ: „Nichts als Granit“ Kletterführer Bergell

Bis zum Umkehrpunkt ca. 400m Kletterlänge auf 12 Seillängen bis 5c.