Nach unserem kurzen Akklimatisationstrip war es nun an der Zeit, uns an den ersten Bergen zu probieren. Da Johanna und Martin ins Santa Cruz Valley wollten, schlossen wir uns ihnen einfach mal an. Meiner Meinung nach wäre ein weiterer Akklimatisationstag auf +5000m durchaus sinnvoll gewesen, aber es wär halt doof wenn wir dann einen Tag später starten würden. Den Abend vorher buchten wir in einer Agentur in Huaraz die Esel für den zweitägigen Anmarsch. Pro Esel muss man ca. 20 Sol und für den Eseltreiber noch einmal 40 Sol rechnen. Zu beachten ist, dass sowohl Hin- und Rückweg zu bezahlen sind!

Am nächsten Morgen ging es dann zunächst mit dem Collectivo nach Caraz und weiter mit dem Privattaxi (der Fahrer machte mit uns das Geschäft seines Lebens) hinauf nach Cashapampa, dem Ausgangspunkt für den Anmarsch. Nach weiteren Verhandlungen mit dem Eseltreiber ging es dann endlich los! Innerhalb von 2 Anmarschtagen erreichten wir das Basislager des Alpamayo auf ca. 4300m Höhe. Während Johanna und Martin direkt weiter ins Moränenlager auf 4900m stiegen und dort die Nacht verbrachten, führten Michi und ich „nur“ einen Materialtransport mit 27kg schweren Rucksäcken in dieses durch und schliefen die Nacht zur besseren Akklimatisierung im Basislager. Am nächsten Tag zogen auch wir mit der restlichen Ausrüstung in das Moränenlager hinauf und erkundeten am Nachmittag noch den Zustieg zum Gletscher. Am darauf folgenden Tag schnupperten wir erstmals richtig Höhenluft: Ein erster Materialtransport in das Hochlager auf 5350m stand auf dem Programm. Die schweren Rucksäcke und die dünne Luft bremsten uns ganz schön aus. Der Weg ins Alpamayo-Col bot auf 3 Seillängen schöne Eiskletterei bis 70 Grad Steilheit und die dünnen Schneebrücken über die Bergschründe machte die Sache zusätzlich spannend. Wie geplant deponierten wir in einem Sack unsere Sachen und stiegen wieder ins Moränenlager hinab, um dort eine letzte Nacht zu verbringen. Am nächsten Morgen packten wir wiederum unseren restlichen Krempel zusammen und deponierten einige, nicht benötigte Ausrüstung unter einem Stein im Moränenlager. Dass dies ein Fehler sein sollte wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht…

Deutlich besser an die Höhe gewöhnt als beim gestrigen Materialtransport schlugen wir unser Zelt an einem herrlichen Platz zwischen Alpamayo und Quiteraju auf. Und konnten Martin und Johanna ganz herzlich zum Alpamayo gratulieren! Sie waren in der vergangenen Nacht gestartet und hatten die Ferrari-Route gemacht. Am kommenden Tag lautete der gemeinsame Plan daher Quiteraju-Westgrat. Dass dies nicht die beste Wahl war, zeigte sich erst, als wir in der kommenden Nacht schon zu diesem unterwegs waren: Leider hatten sich die Seracs dermaßen verändert, dass aus der ursprünglich recht gut machbaren Tour eine sehr gefährliche Aktion geworden ist. Außerdem ging es Johanna und mir nicht so gut, sodass wir die Umkehr beschlossen. Die Nordwand wäre objektiv definitiv sicherer gewesen und wurde auch öfters gemacht!

Der zumindest halbe Ruhetag im Hochlager tat gut, sodass Michi und ich in der folgenden Nacht direkt zum Alpamayo aufbrachen. Um 23:30 war Start im Hochlager, und ca. 1h später stiegen wir bereits in die Ferrari-Route ein. Leider spürte ich immer noch die Nachwehen von meinem gestrigen Unwohlsein, sodass Michi alle Längen souverän führte. Die Ferrari-Route war in diesem Jahr in ganz hervorragenden Bedingungen. Nach den etwas heiklen Bergschrund folgten 3 Seillängen in weichem Schnee, bevor wir in den nächsten 5 Seillängen bestes Eis vorfinden. Wir klettern bis ca. 20m unter die Gipfelscharte, ab dort wurde uns eine Begehung aufgrund zweifelhafter Sicherungen zu heikel. Daher beliessen wir es dabei und machten uns ans Abseilen, was ganz hervorragend lief. Um 07:30 waren wir schon wieder am Zelt und freuten uns über den gelungenen Einstand in Peru! Wir stiegen noch am selben Tag Richtung Basislager ab, wobei Michi bei Freunden im Moränenlager blieb und ich bei den Südtiroler Freunden im Basislager Unterschlupf fand. Inklusive Vollpension versteht sich 😉

 

Nach einem Ruhetag, an dem wir uns die Taktik für die folgenden Tage überlegten, machten wir uns schliesslich auf in Richtung Artesonraju. Zuvor deponierten wir alle nicht mehr benötigte Ausrüstung nahe der Wegekreuzung im Santa Cruz Valley, dort wo der Weg zum Alpamayo BC abzweigt. Dann ging es mit den sehr schweren Rucksäcken und in fotografischer Begleitung von Florian hinauf ins Artesonraju-Moränenlager auf 5000m. Natürlich zog sich der Anstieg ewig lang über die steile Mröme und Blockwerk, aber am Nachmittag war es dann doch geschafft. Im Moränenlager lernten wir Manuel und Nury aus Peru kennen, die am nächsten Tag ebenfalls über den Nordgrat zum Gipfel wollten. Von den netten Jungs aus München gab es ebenfalls wichtige Infos über die Route. Der Start war mal wieder extrem früh: Um 23 Uhr war wecken, sodass wir um Mitternacht abmarschbereit waren und über unübersichtliches Gelände in Richtung Gletscher torkelten. Hier bietet sich eine Erkundung am Vortag definitiv an! Bald erreichten wir den Gletscher und es ging weiter durch einen sehr unübersichtlichen Gletscherbruch hindurch. Hier hatten wir offenbar nicht die beste Linie gefunden…Bald kamen die ersten Steilaufschwünge in Sicht, die sich gut überwinden liessen. Hier musste man ein wenig auf sein Gefühl und seine Erfahrung vertrauen, um einen Weg in der Dunkelheit zu finden. Bald errichten wir die Gratschulter auf ca. 5700m, an der es kurzfristig etwas flacher wurde. Leider verpassten wir die beste Route und querten zu weit nach links. Plötzlich standen wir in richtigem Sch…-Gelände. Der steile und sehr bröselige Schnee ließ sich nicht absichern. Zusätzlich machte uns ein zu überwindene Gletscherspalte das Leben schwer, es war saukalt und wir standen recht ausgesetzt in der Nordostwand. Na bravo! Zum Glück fand Manu wieder auf die richtige Route, sodass wir die letzten Seillängen in steiler Schneekletterei mit der aufgehenden Sonne absolvieren konnten. An einem Gedenkkreuz für einen kürzlich verunglückten Bergsteiger machten wir kurz Pause, um anschließend über den sehr ausgesetzten und labilen Gipfelgrat zum eigendlichen Gipfel zu klettern. Gegen 10 Uhr hatten wir es dann auch geschafft! Wir standen auf dem Gipfel des Artesonraju! Da der Weg zurück nicht unbedingt kürzer wird, je länger man sich auf dem Gipfel aufhält, machten wir uns bald wieder an den Abstieg. Viele Abseilmanöver später (an meist eingerichteten Abseilständen) standen wir wieder auf dem Gletscher und fanden nun tatsächlich den deutlich besseren Weg der Münchner Jungs vom Vortag. Gegen 16 Uhr waren wir wieder am Moränenlager und mussten erst einmal was kochen, so groß war der Hunger. Anschliessend stiegen wir noch die ca. 1000HM ins Basislager ab, da für den nächdten Tag sehr schlechtes Wetter angesagt war und wir den steilen Abstieg nicht bei Nässe absolvieren wollten. Zum Glück wies uns ein Eseltreiber im letzten Wegabschnitt mit seiner Stirnlampe den Weg, wir hätten uns in dem unübersichtlichen Gelände dort bei Dunkelheit und Nebel glatt verlaufen. Mittlerweile war es 21 Uhr und nach einem kurzen Plausch im sehr gemütlichen Kochzelt von Manuel fielen wir in die Schlafsäcke. Kein Wunder nach einem fast 23h-Tag…

Am nächsten Tag hieß es trotz schwerer Beine Zähne zusammenbeissen und die 20km bis Cashapampa einfach nur rauslaufen. Zum Glück war der Rucksack leicht, der Wind kam von hinten und bergab gings auch, sodass wir nach 5h Gehzeit endlich wieder in der Zivilisation waren. Was für erlebnisreiche Tage!

Und wer noch nicht genug vom Lesen bekommen hat, kann direkt zu Peru #3 springen!