Gibt es DEN Grat schlechthin? Durchaus. In der Schweiz, genauer gesagt über dem Ort Pontresina erhebt sich der höchste Berg der Ostalpen: Der Piz Bernina  mit seinen 4049m überragt alles, was von ihm östlich in den Alpen steht. Während meines Roadtrips im Sommer 2012 wollte ich den Biancograt natürlich auch begehen, sodass wir uns nach den Abenteuern an Ortler und Königsspitze auf den Weg nach Pontresina machten.

Startpunkt zu unserer 3-tägigen, „sauschweren“ Berninadurchquerung war der Campingplatz Plauns oberhalb von Pontresina. Während unserer Tour wollten wir so gut es geht auf Hütten und Seilbahnen verzichten. Somit packten wir in unseren Rucksack neben der Kletterausrüstung nicht nur Proviant für 3 Tage, sondern auch die Biwakausrüstung. Wechselsachen und Waschzeug hatten aus dem Grund keinen Platz mehr…

Mein Schuh steckte auf einmal fest!

Mein Schuh steckte auf einmal fest!

Gegen 5 Uhr verließen wir das am Zeltplatz abgestellte Auto (1880m) und machten uns auf den Weg in Richtung Bovalhütte. Die Rucksäcke waren heillos überladen und drückten bei jedem Schritt schwer auf die Schultern. Während des Aufstiegs war es sehr nebelig, nur einmal bot uns ein kleines Wolkenfenster einen Blick auf den nahen Piz Palü. Gegen 06.30 Uhr erreichten wir bereits die Bovalhütte (2495m), an der wir eine kurze Pause einlegten. Deren Gäste waren noch nicht unterwegs, sodass wir unseren Marsch in Richtung Fuorcla da Boval (3347m) allein fortsetzten. Über zunehmend steiler werdende Wege ging es zunächst noch durch Wiesen, später über Geröll weiter. Mittlerweile war die Sonne aufgegangen und uns bot sich ein fantastischer Blick in den „Festsaal der Alpen“. Das letzte Stück zur Scharte bot gute Kletterei im 2. Schwierigkeitsgrad, bevor wir gegen 09:30 Uhr endlich den Blick auf die Tschierva-Seite genießen konnten. Nach kurzer Pause stiegen wir auf den Tschierva-Gletscher ab. Bei der kurzen Kletterei verkeilte ich meinen Bergschuh derart in einem Riß, dass ich doch tatsächlich den ganzen Schuh ausziehen musste, um weiterzukommen. Hat jedenfalls gut gehalten.

Am Gipfel des Piz Morteratsch

Am Gipfel des Piz Morteratsch

Über eine kurze Steilstufe, an der wir die Rucksäcke deponierten, und weiter über sanfte Gletscherhänge erreichten wir gegen 10:30 Uhr den Gipfel des Piz Morteratsch (3751m). Von hier aus hatten wir natürlich eine super Fernsicht (der Nebel hat sich mittlerweile aufgelöst), wir konnten aber auch die aktuellen Verhältnisse am Biancograt erspähen. Und die sahen gut aus: Sehr wenig Schnee in den Felsen, im Firngrat eine gute Spur. So muss es sein! Der Abstieg führte zunächst zurück zum Depot, bevor wir orografisch nach links abbogen, um gegen 12.30 Uhr über den Tschiervagletscher die gleichnamige Hütte auf 2584m zu erreichen. Dann war chillen bei der Hütte angesagt! Später kochten wir abseits auf der Moräne und genossen den Sonnenuntergang, bevor wir uns ins Biwak mit Piz Roseg-Blick legten.

Sonnenaufgang in der Fuorcla Prievlusa

Sonnenaufgang in der Fuorcla Prievlusa

Gegen 02:30 Uhr am nächsten Morgen weckte uns nicht der Wecker, sondern die zahlreichen Seilschaften, die bereits zum Grat unterwegs waren. Ja was ist denn hier los? Warum so früh? Sind wir am Mont Blanc?? Wir packten unser Zeug zusammen, frühstückten eine Kleinigkeit und reihten uns in die Stirnlampenreihe ein. Schließlich ruft der Biancograt! Zunächst liefen wir über unangenehm zu laufendes Moränengelände, anschließend gings ein kurzes Stück den Tschiervagletscher hinauf.  Nach einem Steilstück legt man die Steigeisen wieder ab, um dem klettersteigähnlich versicherten Weg hinauf zur Fuorcla Prievlusa (3427m) zu folgen. Bereits hier gab es aufgrund der vielen Leute einen Stau, Chris und ich überholten, wo es ging, um nachher nicht an der Abseilstelle im Stau zu stehen. Das Wetter zeigte sich von seiner guten Seite, nur am Horizont gab es einige Quellwolken. Es sollte also ein schöner Hochtourentag werden. Nach der Scharte forderte uns leichteres Felsgelände ein wenig, um das Chaos aus den vielen Seilschaften nicht noch mehr zu vergrößern, gingen wirs seilfrei. Und immer warten, warten, warten. Das ist der Nachteil an solch einem Ultraklassiker. Schließlich mussten wir wieder auf die Steigeisen wechseln, um ein kurzes 50 Grad Wändchen zu überwinden.

Das kurze Steilstück vor dem Grat

Das kurze Steilstück vor dem Grat

Und endlich: Endlich waren wir auf dem Firngrat und konnten richtig Gas geben. Wobei: Ich merkte die Höhe und die Anstrengung des letzten Tages schon ein wenig, aber wir hielten uns ran und standen um 09:30 Uhr auf dem Gipfel des Piz Bianco (3995m).

Kurzer Handschlag, der Grat ist geschafft, aber das nächste Ziel liegt schon vor uns: 50 Meter höher erhebt sich der Piz Bernina (4049m). Und der Übergang hatte es in sich: Gratkletterei an traumhaften Granit, aber sehr ausgesetzt. Dann die Abseilstelle von ca. 15m, anschließend weiter Gratkletterei. Die Sicherung war durch Bohrhaken gut möglich. Das letzte Hindernis bildete ein kurzer, kombinierter Aufschwung, bevor wir gegen 10:15 Uhr den Gipfel erreichten. Yes, Chris und ich standen auf dem Höchsten in den Ostalpen, die Massen von Leuten waren weit hinter uns, und das Wetter zeigte sich auch von seiner guten Seite. Was will man mehr? Einen Schnellabstieg zur Marco-e-Rosa Hütte (3597m) zum Beispiel. Machten wir: Über den Spallagrat gings flugs im weicher werdenden Schnee abwärts, sodass wir um 11:45 Uhr vor den Hütte standen. Als Tagesziel hatten wir jedoch die Bergstation der Diavolezzabahn (2973m) ausgemacht, und die lag am anderen Ende des Gletscherkessels! Also: Sputen war angesagt.

Kurz vor dem Gipfel des Piz Bernina

Kurz vor dem Gipfel des Piz Bernina

Die immer noch schweren Rucksäcke ließen uns im aufgeweichten Schnee nicht mehr ganz so schnell vorankommen. Über die Bellavista-Terasse und durch eine beeindruckende Landschaft aus Eis  stiegen wir immer weiter mach Osten. Bald kam der Fortezza-Grat in Sicht, an dem wir noch einmal pausierten. Da wir keine Karte hatten, bat ich einen (überraschender Weise) sehr freundlichen Schweizer Bergführer um die seine. Er erklärte uns sehr ausführlich den Weg hinunter zum Persgletscher (nicht, dass wir das nicht gewusst hätten, ich wollte nur mal eine zweite Meinung hören). Über eine Abseilstelle und einen weiteren Gletscher kamen wir einem aperen Steilstück näher. Noch einmal war sauberes Steigeisensetzten in der 45 Grad Flanke gefordert. Wir spürten die Müdigkeit und stiegen über den Persgletscher, die Diavolezza hoch über uns. Da wollten wir hin! Plötzlich hörten wir es hinter uns gewaltig rumpeln. Eine Steinlawine fegte über unsere Abstiegsspur, wir waren zum Glück weit genug entfernt. Hätten wir nur eine viertel Stunde länger gebraucht…

Beeindruckende Seracs an den Bellavista-Terassen

Beeindruckende Seracs an den Bellavista-Terassen

Nach zähen letzten 200 Hm erreichten wir gegen 17:30 Uhr schließlich endlich die Diavolezzahütte (2973m). Total fertig legten wir uns nach dem Kochen ins Biwak unterhalb der Gondelstation. Denn am nächsten Tag sollte es zu Piz Palü (3905m) gehen. Doch das ist eine andere Geschichte…