Bereits an Neujahr haben wir es fast bis an den Hochferner geschafft. Aber eben auch nur fast. Bei der Anfahrt über die wegen Schneemangels noch geöffnete Pfitscher Joch Strasse rutschte ich mit meinem neuen Caddy auf einer Eisplatte weg und blieb um ein Haar an einer dünnen Fichte hängen. Ansonsten hätte ich das Auto glatt im steilen Bergwald „versenkt“ und mich wahrscheinlich dazu. Schwein gehabt, Tour gelaufen, nur noch heim war die Devise.

Vor einigen Tagen bot sich die Gelegenheit zu einem erneuten Versuch. Mein bewährter Tourenpartner Christian und ich machten uns mal wieder auf den Weg von Westfalen in die Berge. Ursprünglich wollten wir eigentlich in die Bernina, doch dann planten wir kurzfristig um und entschieden uns für die Hochferner Nordwand. Am Nachmittag erreichten wir in aller Ruhe den Ausgangspunkt an der 3. Kehre der Pfitscher Joch Straße. An meiner Unfallstelle war doch tatsächlich noch die demolierte Fichte zu sehen. Na dann kann das Anfährst-Trauma ja verarbeitet werden!

Nach der üblichen Was-nehmen-wir-mit-Session machten wir uns bald auf den Weg zur Biwakschachtel. Gemütliche 2h Zustieg zunächst über Wiesen, später über eine steile Moräne standen auf dem Programm. Irgendwann fiel ich einen fast meditativen Schritt und konnte den Alltag komplett ausschalten. Einfach herrlich!

An der Biwakschachtel angekommen, machten wir es uns gemütlich. Zwei Aspiranten für die Hochfeiler Nord mit Ski trudelten kurze Zeit später ein. Vater und Sohn wollten mit Ski über die Nordwand abfahren, und wussten angeblich auch bestens über Unfälle, Verhältnisse und Schneehöhe 38,7m vor dem Ausstieg Bescheid. Aha!

Ein Gewitter, welches anschließend über das Tal zog, gab uns ein Gefühl der Unverwundbarkeit. In der Biwakschachtel wurde es dann richtig gemütlich, einer zündete Licht an und der Gaskocher zauberte ein feines Abendmahl.

So nun aber genug des Geschwafels! Am nächsten Morgen wurde es ernst: Um 3 Uhr piepte der Wecker erbarmungslos, ein früher Start war ob der warmen Temperaturen angebracht. Und siehe da: als wir um 03.45 Uhr quasi aus der Biwakschachtel in die Nordwand stolperten, waren die Verhältnisse eigentlich gar nicht schlecht. Der Harschdeckel hatte sich bei der bedeckten Nacht zwar nicht gut ausbilden können, jedoch sanken wir maximal bis zur Wade ein. Über riesige Lawinenkegel gewannen wir bald effizienter an Höhe.

Im Vorfeld hatte ich einige Berichte über eine teils massive Eisschlaggefahr durch die beiden großen Seraczonen gelesen. Diese stellten sich jedoch bei unserer Begehung als relativ ungefährlich heraus. Bei beiden Seraczonen bewegt man sich in Summe maximal 20 min in der Gefahrzone. Der untere Hängegletscher konnten wir linkshaltend durch eine ca. 50° steile Rinne umgehen. Hier trafen wir auf perfekten „Qieckschnee“! Das anschließende Schneefeld war wieder flacher (40°), jedoch aufgrund des nicht ausgeprägten Harschdeckels ebenfalls etwas unangenehm zu gehen.

Die beste Möglichkeit die obere Steilstufe zu bewältigen besteht darin, sich wiederum in einer Rinne zu halten. Diesmal jedoch rechtshaltend. Ich baute einen Stand zu Beginn der Steilstufe auf und stieg ab dort auch vor. Wir sicherten am laufenden Seil mit einer Schraube pro Seillänge, bevor als „Stand“ eine weitere Schraube inkl. Tibloc zur Anwendung kam. Genau an den passenden Stellen kam Blankeis aus dem Trittschnee hervor, sodass die Absicherung wirklich gut möglich war.

Langsam lief die 2. Steilstufe im oberen Gletscherkessel aus. Es wäre ein einfaches gewesen, hinauf zur Hinteren Weißspitze zu steigen, jedoch sollte der Übergang zum Hochferner-Gipfel manchmal heikel sein. Daher ließen wir uns nicht von dieser Variante ablenken und stiegen direkt weiter zur „Gipfelwand“, von wo aus wir wiederum seilfrei die markante Scharte unmittelbar südwestlich vom Hochferner erreichten. Hier traf uns der Föhn mit voller Wucht!

Der Abstieg war am ausgesetzten Grat zunächst noch recht spannend, einmal in die Südwand abgestiegen jedoch kein Problem mehr. Sobald es wieder flacher wurde, machten wir erst einmal Brotzeit uns genossen den Moment der Wanddurchsteigung. Der Abstieg zog sich zwar noch etwas, war aber insgesamt nicht so schlimm wie erwartet. Der Weißkarferner war noch super eingeschneit, hier wären Ski definitiv noch von Vorteil gewesen. Nach dem Gletscher war jedoch Schluss mit Schnee, und gemütlich spazierten wir den Wanderweg zurück zum Auto. Einfach eine perfekte Tour!