Im Sommer war ich mit Chris an der Nordwand der Großen Zinne unterwegs. Hier der Bericht (bietet sich als Lektüre für nasskalte Winterabende an 😉

Die Nordansicht der Drei Zinnen oberhalb vom Höhlensteintal bei Toblach gehört zu den berühmtesten Bergpanoramen der Alpen wenn nicht der Welt. Jährlich pilgern tausende Menschen unter den berühmten Wänden her, die vor mehr als 100 Jahren vom berühmten Emilio Comici und Gefährten erstmals  in technischer Kletterei durchstiegen worden sind.  Vor einigen Jahren stand ich schon einmal unter den berühmten Wänden, damals war ich jedoch noch einfach zu jung und hatte keine  Erfahrung in alpinem Gelände, träumte jedoch insgeheim einmal, die Nordwand der Großen Zinne zu durchsteigen.

Die Drei Zinnen von Norden mit dem Routenverlauf der „Comici“.

Dieser Traum ist diesen Sommer Wirklichkeit geworden. Am Vortag hatten wir bereits an der Rückseite der Drei Zinnen, an der Punta di Frida, die „Comici & Co“(250m, VI-) geklettert. Dabei hatten wir auch zum ersten Mal Gelegenheit, uns mit der typischen Absicherung in den Dolomiten vertraut zu machen. Die Standplätze bestehen nämlich nur aus ein paar rostigen, geschlagenen Normalhaken. Am Anfang erschien es für uns wahnsinnig, diesen Standplätzen zu vertrauen, da ich bisher in alpinen Routen zumindest an den Standplätzen mindestens einen Bohrhaken vorgefunden habe.  Hier jedoch mussten wir einerseits den Haken vertrauen, die an den meist sehr exponierten Standplätzen unser Körpergewicht tragen mussten, anderseits durften wir unser Können im Vorstieg nicht überschätzen, da wir nicht fallen durften.  Ich möchte nicht wissen ob die Standplätze einen Sturz gehalten hätten oder nicht. In der Punta di Frida Südwand hatten wir klettertechnisch keine Probleme, sodass wir nach ca. 3,5h bereits am großen Querband standen, über das man aus der Wand ausqueren kann. Noch zweimal Abseilen und wir standen am Einstieg und hatten unsere erste Route im brüchigen Dolomitengestein geschafft.

Tiefblick aus der Nordwand

Am Abend saßen wir nach dem Kochen noch lange vor der Hütte und studierten den Routenverlauf in der Nordwand der Großen Zinne anhand des Topos. Mit einem etwas mulmigen Gefühl, aber auch voller Aufregung und Vorfreude gingen wir in die kurze Nacht im gemütlichen Matratzenlager der Drei  Zinnen Hütte. Am nächsten Morgen machten wir uns zeitig auf den ca. halbstündigen Weg unter die Zinnen, sodass wir bereits um 8 Uhr am Einstieg standen. Vor uns war bereits eine Seilschaft aus München eingestiegen, die sich im weiteren Routenverlauf jedoch als sehr langsam herausstellte. Die ersten Seillängen waren aufgrund des kalten Windes und der ungewohnten, speckigen Griffe sehr mühsam. Dass die zweite Seillänge bereits eine der Schlüsselseillängen war, machte die Sache auch nicht leichter. Danach ging es jedoch deutlich besser, die Schwierigkeiten waren moderat, der kalte Wind in Kombination mit den engen Kletterschuhen war jedoch sehr unangenehm. Ständig hörten wir hinter uns das Surren des Stein- und Eisschlags. Nach der zweiten Schlüsselseillänge glaubten wir, dass wir es geschafft hätten. Es folgte in der 15. Seillänge jedoch noch eine 55m lange Rissverschneidung, die uns noch einmal – auch aufgrund der schlechten Absicherung – alles abverlangt. Nach einem sehr nassen Standplatz direkt unter einem kleinen Wasserfall folgte in der nächsten Seillänge ein ausgesetzter Quergang in bestem, trockenem Fels. Zum ersten Mal kletterten wir in der Sonne!  Die Ausstiegsseillängen waren auch nicht mehr schwer, sodass wir gegen 19 Uhr, also nach fast 11h Kletterzeit endlich den Ausstieg am Gipfelringband erreichten. Nun mussten wir „nur“ noch absteigen, wer jedoch die Drei Zinnen schon einmal von Süden gesehen hat weiß, dass es sich hierbei um ein kleines Gebirge handelt. Dementsprechend schwierig war die Orientierung. Einzelne Stellen bis zum 3.Grad klettern wir frei ab, zum Schlussfanden wir, als es nicht mehr weiter ging, einen Standplatz einer Südwandroute. Wir waren müde und machten uns dementsprechend nicht viele Gedanken um die Qualität des Standplatzes, ein weiteres Mal abseilen brachte uns zum Glück auf den Grund einer Geröllschlucht, die uns auf den breiten Wanderweg unter die Südabbrüche der Drei Zinnen führte. Mittlerweile war es 21 Uhr und somit fast dunkel. Wir gaben machten uns auf dem Rückweg und rannten fast zurück zur Drei Zinnen Hütte.  Auf halben Weg zur der davor gelegenen Lavaredo Hütte nahm uns deren Hüttenwirt noch hinten auf seinem Pick-Up mit. Damit sparten wir zwar auch nur ein paar Minuten, aber immerhin. Als wir die Hütte schließlich erreichten, war es 21.45 Uhr, aber unser Tag war noch lange nicht zu ende. Zur Verwunderung einer italienischen Schulklasse begannen wir nun auf der Hüttenterrasse zu kochen. Vom sehr netten Hüttenwirt erfuhren wir, dass wir kein Bett mehr für die Nacht bekamen. Also hieß es: Abstieg im Stirnlampenschein. Wir gaben noch einmal alles und schafften die Strecke tatsächlich in unter 2 Stunden. Erschöpft fielen wir gegen 1 Uhr in die Schlafsäcke und ließen im Schlaf noch einmal den Tag im Traum an uns vorbeiziehen.