Majestätisch erhebt sich der höchste Punkt Südtirols über dem von Apfelplantagen gesäumten Vinschgau. Bei guter Sicht erspäht man bereits vom Reschenpass seine glitzernden Gletscher. Die Gipfelregion des „König Ortler“, wie er im Volksmund oft genannt wird, stellt eine weitläufige, bizarre Welt aus Eis, Schnee und Fels dar. Von Südosten bietet der Hintergrat eine reizvolle Möglichkeit, den Berg über eine anspruchsvolle Route zu besteigen, zumal es sich hier nicht um den Normalweg handelt.

Hintergrathütte, 03:00 Uhr. Piep, piep, piep…Der Wecker hat kein Erbarmen, sodass wir uns quasi aus den gemütlichen Lagern hinaus quälen müssen. Am Vortag waren wir bereits von Sulden auf die Hintergrathütte aufgestiegen und haben hier oben eine kurze, aber auch gemütliche Nacht verbracht. Schnell ein kurzes Frühstück mit Müsli und Schokoriegel und dann rein in die Hochtourenschuhe. Die Rucksäcke hatten wir bereits am Vortag gepackt, sodass wir sehr zügig die Hütte verlassen konnten. Dies ist wichtig, damit man nicht in einen zeitraubenden Stau an den Engstellen am Grat kommt.

Das kombinierte Gelände war teilweise anspruchsvoll

Das kombinierte Gelände war teilweise anspruchsvoll

Moräne, 04:05 Uhr. Ohne eine helle Stirnlampe geht gar nichts. Der Mond wird von einigen Wolken verhüllt, das dreckige Gletschergestein schluckt jedes Licht. Wir gehen zügig, aber nicht zu schnell, um nicht zu viel zu schwitzen. Das steile Geröllfeld zu Beginn des Grates ist sehr mühsam zu überwinden, hoffentlich verlieren wir hier nicht die Orientierung, was uns sehr viel Zeit kosten würde. Und schon ist es passiert! Ich stehe etwas ratlos vor einem steilen Schutthang und sehe keine Trittspuren mehr. Christian meinte, es müsse rechterhand weiter gehen, um auf den „Oberen Knott“, ein Zwischengipfel auf dem Grat in ca. 3200 Metern Höhe, zu gelangen. Wir erkunden verschiedene Möglichkeiten, andere Bergsteiger trauen sich auch nicht weiter, sodass es schon hier zu einem kleinen Stau kommt. Endlich finden wir den Durchschlupf auf den „Oberen Knott“. Hier können wir uns gefahrlos (vor Eis- und Steinschlag) die Klettergurte und Steigeisen anziehen, um die vereisten Gartabschnitte zu erklettern.

Sonnenaufgang am Oberen Knott

Sonnenaufgang am Oberen Knott

Hintergrat, 06:17. Ein traumhafter Sonnenaufgang zeigte sich uns über dem noch immer dunklen Suldental. Nachdem wir uns angeseilt hatten, flogen wir förmlich den Grat hinauf! Über Nacht hatte es ein wenig Neuschnee gegeben, wir mussten also zum einen auf die Gletscherspalten aufpassen, zum anderen erforderte das Klettern in den vereisten Gratpassagen unserer ganze Aufmerksamkeit. Nach einigem Auf und Ab erreichten wir die erste Schlüsselstelle, eine seichte Verschneidung im Grad IV-. Hier zeigt sich, wer diesen Schwierigkeitsgrat auch mit  Steigeisen und Bergstiefeln klettern kann. Problemlos überwanden wir die Passage und kletterten zügig am Grat weiter, der nun immer schmaler wurde. Dabei mussten wir noch einige Felspassagen überwinden, auch ein Eisfeld erkletterten wir in den wärmenden Sonnenstrahlen. Endlich konnten wir die Sonnenbrillen aufsetzten. Daneben ist es wichtig, auf eine Hochtour immer früh aufzubrechen, da man so das Risiko der tageszeitlichen Erwärmung (verstärkter Eis- und Steinschlag) minimieren kann.

Blick vom Grat Richtung Gipfel

Blick vom Grat Richtung Gipfel

Ortler-Gipfel, 3905m, 08:09. Wir stehen auf dem Gipfel des Ortler! Nach ca. 4 Stunden Kletterzeit schlugen wir am Gipfelkreuz an. Der Himmel zeigt sich wolkenlos, sodass wir eine fantastische Rundsicht von der Berninagruppe bis fast zum Gardasee haben. Nach kurzer Gipfelrast machen wir uns an den langwierigen Abstieg via Payerhütte und Tabarettahütte zurück zur Hintergrathütte, wo wir schon kurz nach Mittag eintrudeln. Den Rest des Tages verbringen wir gemütlich auf der Hüttenterrasse und sind glücklich und auch ein bisschen stolz über unsere Tour. Ein gutes Gefühl, oder?

Blick zurück über unsere Abstiegsroute

Blick zurück über unsere Abstiegsroute