Eines Abends saßen wir am Campingplatz zusammen und überlegten, was wir mir der nächsten, uns noch verbliebenden Woche in Chamonix anfangen sollten. Das Wetter war zwar am Montag noch schlecht angesagt, doch ab Dienstagmorgen kündigte sich eine hervorragende Schönwetterphase an, die weit bis in die zweite Wochenhälfte andauern sollte. Was tun? Nach einigem hin und her stellte sich schließlich der König himself, der Mont Blanc mit seinen alles überragenden 4810m, als primäres Ziel für die kommende Woche heraus. Nur über welche Route? Eines war von vornerein klar: Es sollte keiner der vier (!) Normalwege sein. Weder von der italienischen Seite (über die Gonellahütte) noch von Frankreich (über Gouterhütte, Grand Mulets oder die Cosmiqueshütte) wollten wir den Gipfel erreichen. Auch Seilbahnen schlossen wir als Aufstiegshilfe aus, sodass wir im Anstieg mindestens 3200 Höhenmeter zu meistern hatten. Der klassische Broulliardgrat wäre eine Tour, die unseren Anforderungen durchaus entsprach. Schließlich fiel das Wort Freneypfeiler. Nach langem Schweigen brach einer die Stille: Wir sind gut akklimatisiert, das Wetter wird gut, und schwer klettern können wir auch in großer Höhe, wie wir bereits bei der erfolgreichen Begehung der Contamine-Route an der Aiguille du Midi bewiesen haben. Warum also nicht?

Zustieg

Zustieg

Am nächsten Tag, einem weiteren Ruhetag, begannen wir, die Ausrüstung zu packen. Dabei wurde versucht, auf alles Überflüssige zu verzichten, jedoch das Notwendigste unbedingt dabei zu haben.

Hinter der Monzinohütte

Hinter der Monzinohütte

Schließlich fuhren wir am Montagmorgen von Chamonix durch den Mont Blanc Tunnel in das italienische Courmayeur. Von dort aus ging es weiter steil bergan durch das ruhige Val Veny, bis wir schließlich einen Parkplatz fast am Ende der Talstraße erreichten. Gemütlich ging es im nicht endenden wollenden Regen gegen 10:00 Uhr los. Zunächst durch einen kleinen Wald, anschließend über unangenehm zu laufenden Moränenschotter. Bald teilte sich der Weg: weiter geradeaus ging es zur Gonellahütte, wir jedoch hielten uns rechts den Hang hinauf zur Monzinohütte. Hier würden wir im Abstieg wieder vorbeikommen. Es sollte jedoch ganz anders kommen.

Mont Blanc Südseite

Mont Blanc Südseite

Der Weg wurde immer steiler, bald kamen erste Seilversicherungen in Sicht. Durch die glatten Gletscherschliffplatten hatte man eine Art Klettersteig zur Monzinohütte errichtet, um auch Tagesgästen der Hütte einen spannenden und erlebnisreichen Zugang zu gewähren. Doch bei dem  Regen war außer uns niemand unterwegs. Durch die Wolken waren gerade die Umrisse der mächtigen Aiguille Noire de Peuterey zu erkennen.  Den Klettersteig konnten wir getrost als eine Abwechslung der leichteren Art betrachten, hatten wir doch am Freneypfeiler mit ganz anderen Schwierigkeiten zu kämpfen. Nach ca. 3h Regenzustieg erreichten wir völlig durchnässt die Monzinohütte, wo wir uns erst einmal in der ganzen Stube ausbreiten durften, um die Sachen zu trocknen. Anschließend galt es, die verbrauchte Energie, so schnell wie möglich wieder zuzuführen. Und wie geht das am besten in Italien? Na? Richtig: Pasta! Fantastisch! Und zum Abendessen gabs die gleiche Portion noch einmal als Vorspeie (!)….

Am nächsten Morgen galt mein erster Blick dem Wetter. Und tatsächlich. Der Wetterbericht hatte nicht zu viel versprochen! Strahlend blinzelte die Sonne vom blauen Himmel, lediglich in den den Tälern hing noch etwas Dunst. Auf ging´s Richtung Ecclesbiwak! Zunächst noch gemütlich über Wiesen und einzelne Felsen, steilte sich der Weg bald über die Moräne des Broulliardgletschers auf, bevor dieser an einer flachen Stelle betreten wird. Der Gletscher steilte sich auf 45-50 Grad auf, sicheres Steigeisengehen war Pflicht! Eine Seilschaft aus dem Allgäu hatte im zunehmend tiefer werdenden Schnee schon mal vorab gespurt. Grazie 😉

Kurz vor der Biwakschachtel

Kurz vor der Biwakschachtel

Über den zerklüfteten Gletscher gings weiter, die Sonne schien auf die gewaltigen Pfeiler der Südseite des Mont Blanc. Da war sie, die Arena der extremen Touren: Angefangen vom Broulliardpfeiler über unser Ziel, den Freneypfeiler bis zu modernen Touren wie dem Hypercouloir. Ein Spielplatz für Alpinisten! Nach einiger Stapferei durch den zunehmend weicher werdenden Schnee erreichten wir den letzten Aufschwung, der ns zum Ecclesbiwak führen sollte. Durch brüchiges, aber nicht allzu schweres Mixedgelände näheren wir uns der Biwakschachtel bis auf wenige Meter. Mittlerweile war es 13 Uhr und die Sonne heizte die Hänge stark auf. Plötzlich löste sich oberhalb von mir ein Neuschneerutsch! Ich konnte gerade noch hinter einen Felsen in Deckung springen…

Nachdem wir uns mit unseren zwei „Spurern“ Karl-Heinz und Karl gemütlich im Biwak eingerichtet hatten, begann die langwierige Prozedur des Schneeschmelzens. Wir mussten schließlich unsere 2l Flasche sowie den Camelpack (3l) füllen. Auch unsere Mägen knurrten, sodass wir bereits gegen 16.30 Uhr unsere gefriergetrocknete Nahrung aßen. Beim Auspacken des Jetboil-Kochers dann das erste Malheur: Der Piezo-Zünder war abgebrochen. Zum Glück konnte ich in den Tiefen des Rucksacks ein Feuerzeug auftreiben, welches Jochens Gewichtssparmethoden nicht zum Opfer gefallen ist 😉 Ansonsten wäre die Tour hier beendet gewesen.

Die Biwakschachtel

Die Biwakschachtel

Am nächsten Morgen klingelte um 2.30 Uhr der Wecker. Wir schmolzen nochmals Schnee fürs Frühstück und brachen anschließend vor Karl-Heinz und Karl auf, die zur Aiguille Blanche de Peuterey wollten. Vom Biwak bewegten wir uns waagerecht in Richtung Broulliardpfeiler, um nach einer heiklen, absteigenden Querung den Gletscher zu erreichen, der sich zum Col Eccles hinaufzieht. Entgegen der vorhandenen Beschreibung war dieser nicht 30, sondern bis zu 60 Grad steil. Nach 250 Hm Eiswandkletterei erreichten wir das Col Eccles, von dem wir laut Topo 30m auf den Freneygletscher abseilen mussten. Zweimal warf ich das Seil an dürftigen Abseilstellen ins Leere, zweimal reichten die 55m gerade so aus. Verfluchtes Topo…

Querung unter dem Pfeiler

Querung unter dem Pfeiler

Die andere Seilschaft musste leider an dieser Stelle bereits aufgeben, da Sie befürchtete, die 120 Hm durch ein brüchiges Couloir nicht mehr hinaufzukommen und somit auf dem Freneygletscher in der Falle zu sitzen. Nach dem Abseilen folgte für uns eine lange Querung im zunehmend weicher werdenden 55 Grad-Schneefeld. Dabei sind wir dummerweise zu weit nach rechts gestiegen, sodass wir zu weit Richtung Peutereygrat kamen. Irgendwann bemerkten wir unsere Schusseligkeit und konnten zum Glück in den eigentlichen Pfeiler hineinqueren, wobei wir die ersten Seillängen übersprungen haben.Endlich gings nach dem ganzen Hinein- und Hinausgequere mal Richtung Gipfel! So ging es Seillänge um Seillänge nach oben: Steile Risse, glatte Platten und eine manchmal schwierige Routenfindung erleichterten uns das Vorankommen nicht gerade. Das Klettern mit Rucksack und den dicken Alpinstiefeln war natürlich anstrengend, sodass wir nach einem kleinen Dach beschlossen, am dortigen Standplatz ein Biwak für die Nacht einzurichten. Gemeinsam schlugen wir einen Biwakplatz aus dem Eis, auf den wir uns nebeneinander legen konnten. Die Füße hingen jedoch aufgrund der geringen Tiefe des Übernachtungsplatzes im Leeren. Der Sonnenuntergang war fantastisch, man konnte das ganze Wallis im Abendrot sehen. Der Mont Blanc warf einen langen Schattenkeil über die italienischen Alpen.

Erstes Biwak

Erstes Biwak

Früh am nächsten Morgen begannen wir wieder mit der langwierigen Prozedur des Schneeschmelzens. Anschließend packten wir unsere Rucksäcke zusammen. Direkt über uns ragte die Chandelle (4540m), ein Vorgipfel des Mont Blanc, der auch das Ende der Hauptschwierigkeiten markiert, in den Himmel. „Den haben wir ja gleich“, dachte ich mir noch. Schön wärs gewesen: Erst gegen 15 Uhr erreichten wir den Fuß der Chandelle, anspruchsvolles, kombiniertes Gelände sowie einige Verhauer kosteten viel Zeit und Kraft. Ein sehr ausgesetzter Schneegrat führte zu einem letzten Stand vor der Chandelle. Jochen meisterte auch die erste Länge zur Chandelle hinauf souverän sowohl in freier als auch technischer Kletterei souverän. Chapeau! Anschließend erreichten wir das berühmte Biwakband, auf welchem schon so manche Seilschaft eine Nacht verbracht hat. Auch wir ruhten uns hier kurz aus und überlegten angesichts der fortgeschrittenen Zeit, was wir nun tun sollten. Über uns befanden sich die beiden Schlüsselseillängen, eventuell gab es in der Nähe der Chandelle noch einen brauchbaren Biwakplatz.

Es gab 3 Möglichkeiten:

  1. Weiterklettern und hoffen, dass wir weiter oben noch ein Biwakplatz finden.
  2. Hier übernachten.
  3. Seile am Stand der Schlüsselseillänge fixieren und wieder abseilen, um auf dem Band zu schlafen. Am nächsten Morgen an den fixierten Seilen hochjümarn.

Nach kurzer Diskussion entschieden wir uns für Möglichkeit 3. Ich richtete den Biwakplatz ein, während Tim souverän im Vorstieg sowohl in freier als auch in technischer Kletterei die Schlüsselseillängen meisterte. Respekt! Unsere 3 Rucksäcke blieben jedoch bei mir am Standplatz. Tim kletterte schneller als erwartet durch die Crux, sodass wir es viellecht doch noch zum Ausstieg der Tour geschafft hätten. Schweren Herzens seilten Tim und Jochen jedoch wieder zu mir zurück, da ich mit 3 Rucksäcken nicht hätte jümarn können. Ein kleiner taktischer Fehler führte zu einer weiteren Nacht auf dem Biwakband. Andererseits stellt sich die Frage, wie weit wir in der Dunkelheit noch gekommen wären und ob wir noch einen brauchbaren Biwakplatz gefunden hätten. Und dann waren da noch die Spanier! Kurz nach uns kamen sie zu dritt am Biwakband an und hatten dies als Übernachtungsmöglichkeit fest einkalkuliert. Da wir aber nun hier schon schlafen wollten, mussten sie sich in umliegende Risse quetschen.

Schlüsselstelle

Schlüsselstelle

So verbrachten wir eine Nacht im Sitzen auf dem Biwakband in luftiger Höhe. An Schlaf war natürlich nicht zu denken, ich nickte lediglich für einige Minuten ein. Auch mussten wir mit dem Schlafsack immer wieder zurückrutschen, da das Band leicht abschüssig war und wir sonst irgendwann runtergefallen wären…

Am nächsten Morgen hatten wir – na klar, dem super Wetter sei Dank – wieder einen sehr schönen Sonnenaufgang. Nacheinander jümerten wir mithilfe einer Micro Traxion und einer Tibloc hinauf, ohne Frühstück ein sehr anstrengendes Unterfangen. Nach wenigen, aber nicht weniger anspruchsvollen Seillängen erreichten wir den Gipfel der Chandelle. Der Pfeiler war geschafft, was für ein Gefühl! 15m abseilen brachte uns in die Flanke, die wir in weiteren Eineinhalbstunden (die Erschöpfung machte sich zumindest bei mir ein wenig bemerkbar) hinauf zum Ausstieg kletterten. Dort rasteten wir kurz und tranken den ersten und zugleich auch letzten Schluck Wasser und aßen die letzten Riegel. Mir ging es sofort wieder besser, muss wohl ein Hungerast gewesen sein, der mich drüben in der Flanke erwischt hatte. Dementsprechend besser gings über einen anspruchsvollen Grat und endlose Querungen unter dem Mont Blanc de Courmayeur lang Richtung Gipfel. Und auf einmal standen wir vor dem letzten Aufschwung. Kurz wurde es noch einmal etwas steiler, und dann waren wir endlich oben.

Tim und ich auf dem Gipfel

Tim und ich auf dem Gipfel

Ja wir haben es geschafft, Tim, Jochen und ich standen am Freitag, den 02. August 2013 gegen 16.30 Uhr auf dem Gipfel des Mont Blanc in 4810m Höhe. Glücklich fielen wir uns in die Arme und fotografierten ausgiebig. War das Wetter bis jetzt perfekt und die Fernsicht ungetrübt, so konnte man jetzt am Horizont einen leichten Dunstschleier erkennen, was auf einen baldigen Wetterumschwung hindeutet. Uns kann jedoch nicht mehr viel passieren, ab jetzt geht die „Autobahn“ Bosses-Grat hinab. Nach halbstündigem Gipfelaufenthalt machen wir uns hinab Richtung Gonellahütte. 1800 Höhenmeter Abstieg liegen vor uns. Doch es kommt alles noch einmal ganz anders.

Vorbei an der Vallot-Hütte, steuern wir die flache Kuppe des Dome du Gouter (4300m) an, ein Vorgipfel, der beim Abstieg über den Normalweg überschritten wird. Während des Gegenanstiegs merken wir zum ersten Mal unsere schweren Beine. Auf der Schneekuppe wenden wir uns nach Südwesten und stiegen über flache gletscherhänge wieder ab. Doch kurz unterhalb des Dome du Gouter befinden wir uns plötzlich in einer Zone mit Gletscherspalten, die vom Neuschnee der letzten Tage noch überdeckt sind. Wir seilen uns an und versuchen eine Querung der Spaltenzone. Wir stapfen nach links und dann wieder nach rechts, um eine sichere Schneebrücke zu finden. Doch überall gibt der weiche Schnee nach. Schließlich finden wir uns damit ab, dass wir nicht nach Italien absteigen können. Die Gouter-Hütte am französischen Normalweg ist bereits in Sichtweite, der direkte Weg wird aber auch durch die Spaltenzone versperrt. So gehen wir wieder den Dome de Gouter hinauf, die müden Beine spüren wir jetzt noch stärker. Anschließend stiegen wir über den französischen Normalweg zur Gouter-Hütte ab und übernachten dort. Wir bekommen sogar noch ein richtiges Bett und ein anständiges Essen!

Die Tram brachte uns bis nach St. Gervais

Die Tram brachte uns bis nach St. Gervais

Da Jochen und Tim am nächsten Tag wieder heimfahren, müssen wir uns sputen: 4 Uhr aufstehen, kein Frühstück, 1500Hm Abstieg zur Zahnradbahnstation, die wir gegen 08.30 Uhr erreichen. Zu allem Übel fährt auch die Gondel nach Les Houches wegen Revisionsarbeiten nicht, sodass wir bis nach St. Gervais fahren. Von dort aus ging es per Taxi, Reisebus und nochmals per Taxi ins italienische Val Veny, welches wir gegen 16 Uhr erreichen. Was für eine Tour!

Facts: Mont Blanc (4810m), Zentraler Freneypfeiler (ED+, 7a+, 700m)

Wir hatten dabei: Gaskocher, Schlafsack, Biwaksack, Schlafmatte, Daunenjacke, Camalots C4 bis zum 3er, komplett C3´s, Satz Link Cams, 2 Eisgeräte

Der Zustieg zum Col Eccles ist bereits für sich eine anspruchsvolle Hochtour: Nach der Biwakschachtel muss eine 60 Grad steile und 250m hohe Eisflanke ins Col Eccles erstiegen werden. Die Abseilstelle ist genau im Col Eccles auf der Freney-Seite (alte Schlingen). 2x55m abseilen, dann folgt eine lange Querung in 50 Grad-Gelände zum Einstieg bei einem alten Fixseil.

Jochen hat ein Video von unserer Begehung erstellt: