Ein verlängertes Wochenende war ich vor kurzem in der Schweiz unterwegs. Zusammen mit Christof Nettekoven machte ich mich am frühen Freitagmorgen von Bonn aus auf in die Alpen. Nachdem wir nach dem Albaufstieg im Schnee auf der Autobahn nicht mehr wirklich schnell vorankamen, beschlossen wir, uns auf der Landstrasse nach Ulm durchzuschlagen. Dieser doch mutige Versuch wurde mit einer spontanen Schneekettenaufziehaktion belohnt 😉

Abseilen am Brückenfall

Abseilen am Brückenfall

Sei´s drum, gegen Mittag standen wir bei Harry und Martina vor der Tür und überlegten, wie wir uns mitsamt Eisklettergepäck in den VW Golf quetschen sollten. Irgendwie gings dann aber doch, sodass wir schon kurz danach Richtung Avers starten konnten. Gegen 15 Uhr waren wir schon da, sodass Christof und ich beschlossen, uns in den kurzen Routen in Campsut schon mal ein bisschen einzuklettern. Mit Einbruch der Dunkelheit waren wir auch fertig und trafen in unserer Unterkunft in Juf die anderen Kletterer.

Gleich zu Beginn wird es richtig steil, ein richtiger "Kaltstart"

Gleich zu Beginn wird es richtig steil, ein richtiger „Kaltstart“

Während Harry das Wochenende einen Eiskurs ausrichteten, waren Christof und ich für uns unterwegs. Wir nutzten jedoch die gleiche Unterkunft, sodass wir einen Haufen neue Leute kennenlernten.

Der Autor in der Crux der 1. SL

Der Autor in der Crux der 1. SL

Am Samstagmorgen fassten Christof, Martina und ich zunächst den Brückenfall direkt neben der Strasse ins Auge. Mit 80m Höhe im Grad WI 3+ schien er uns genau das richtige Ziel zum Einstieg zu sein. Zunächst wird ca. 40m überwiegend freihängend von einer Brücke abgeseilt. Anschließend stieg ich die erste Seillänge vor. Zunächst über einen steilen Einstiegssaufschwung, dann flacher werdend. Den Standplatz baute ich an einem sicheren Platz hinter einer Säule und sicherte Martina nach. Da über uns mächtige Zapfen hingen und die Sonne bald in die Wand scheinen würde, beeilte ich mich mit der zweiten Seillänge. Am Ausstieg erwartete mich eine Kletterei a la Allgäu: Ich schlug meine Geräte mangels Eis ins gefrorene Gras. Hielt sogar ganz gut! Christof fotografierte währenddessen fleißig von der nahen Brücke. Die Ergebnisse können sich sehen lassen!

Das harte Eis erfordert eine gute Schlagtechnik

Das harte Eis erfordert eine gute Schlagtechnik

So waren wir um halb 11 schon mit dem ersten Eisfall fertig. Wir setzten uns ins Auto uns rollten das Tal Richtung Campsut hinunter. Im Hauptsektor übten bereits Harry mit Unterstützung durch Phillip mit dem Eiskurs das Klettern im Toprope. Christof und ich kletterten die ein oder andere Route mit oder gaben den Teilnehmern Tipps.

Im oberen Bereich der 1. SL

Im oberen Bereich der 1. SL des Brückenfalls

Leider ging mir im Vorstieg im Hauptsektor die Kraft ein wenig aus. Teufel auch, war das Eis hart. Naja, dann seilten wir halt wieder ab 😉

Im Ausstieg aus dem Kirchenfall

Im Ausstieg aus dem Brückenfall

Später erkundeten Christof und ich noch den Zustieg zum Kirchenfall. Dabei stießen wir auf einen etwas versteckt liegenden Sektor in einer Schlucht. Auch hier war ein Kurs am Werk, allerdings unter Anleitung eines Bergführers. Dieser wusste allerdings nichts von dem Kirchenfall, sodass Christof und ich leicht verunsichert zurückgingen. Und trotzdem: Es führten Fußspuren in die Schlucht hinein zum Kirchenfall. Würden wir ihn finden?

Die erste Stufe des Kirchenfalls bietet kurze, einfache Kletterei

Die erste Stufe des Kirchenfalls bietet kurze, einfache Kletterei

Abends zeigte Christof seinen Vortrag, der von einer Erstbesteigung eines pakistanischen 6000er handelt.

Der ritte Aufschwung im Kirchenfall

Der dritte Aufschwung im Kirchenfall

Der nächste Morgen: Christof spurte zum Einstieg des Kirchenfalls, ich hinterher. Der Weg führte unwegsam mal am Grund der Schlucht, mal oberhalb. Der Schnee reichte uns bis zu dem Oberschenkeln. Zusätzlich mussten wir aufpassen, nicht durch das dünne Eis in den Bach zu brechen. Nach einigen Windungen fanden wir den Fall aber doch noch! In 3 Aufschwüngen führte er den hang hinauf. Die erste kurze Stufe noch seilfrei, beschlossen wir uns am Aufschwung der 2. Stufe anzuseilen. Als ich diese im Vorstieg meisterte, hallte mein Schlag mit dem Eisgerät dumpf zurück: Die gesamte Eisformation war hohl! Vorsichtig stieg ich höher, das Seil war nutzlos geworden. Bald erreichte ich ein flaches Stück und sicherte Christof nach. Vor uns lag der letzte und steilste Aufschwung: über sehr sprödes Eis stieg ich weiter vor, bis ich nach einer Verflachung wiederum an einem Baum Stand machen konnte. Christof stieg zügig nach; gemeinsam wühlten wir uns durch die Latschen zum Ausstieg. Geschafft! Oben empfing uns ein frischer Wind, begleitet von ein paar Schneeflocken.

Christoph in der 3. SL am Kirchenfall

Christoph in der 3. SL am Kirchenfall

Nach einer kurzen Rast am Auto machten wir uns wiederum auf nach Campsut, um den Eiskurs zur besuchen und gleichzeitig auch hier noch ein paar Meter zu klettern. Das Wetter war mittlerweile wieder besser geworden, sodass wir sogar in der Sonne klettern konnten.

Der Hauptsektor von Campsut

Der Hauptsektor von Campsut

Nach der Abreise des Eiskurses klang der Abend wiederum bei einem Vortrag aus: Diesmal berichtete Phillip von seiner erfolgreichen Kamchatka Expedition, bei der er zusammen mit seinem Partner Chris im April 2013 eine erfolgreiche Besteigung des 4700m hohen Vulkans Kamen für sich verbuchen konnte.

Die Kerze ist schon sehr instabil...

Die Kerze ist schon sehr instabil…

Am nächsten Morgen machten Phillip und ich uns zur Kerze, einem kleinen Eisfall in der Nähe des Brückenfalls. Nach meinem abgebrochenen Versuch wollte ich mir die Kerze zumindest einmal toprope anschauen. Philip seilte mich bis zur Basis ab, sodass ich einigermaßen gefahrlos aufsteigen konnte. Wieder erwarten sehr gutes Eis, einen Vorstieg traute ich mir dennoch nicht zu. Nachdem auch Phillip die Tour gemeistert hatte, liefen wir zum Brückenfall zurück und beobachteten Harry und Christof. Das Eis schien aufgrund der wärmeren Temperatunen heute (um -5°C) viel weicher als die letzten Tage, sodass die Eisgeräte schon oft beim ersten Schlag perfekt saßen.

Eine Seilschaft im direkten Ausstieg aus dem Brückenfall

Eine Seilschaft im direkten Ausstieg aus dem Brückenfall

Als Abschluss seilten Phillip und ich uns jeweils toprope über den direkten Ausstieg des Brückenfalls ab. Während der Mittelteil sehr gute Eisverhältnisse aufwieß, was die Crux der Ausstieg: Dünnes, vom Fels gelöstes Eis vermischt mit Schnee verlangte präzises Klettern. Zum Schluss mal wieder durchs Gras zum Stand. Auch Harry nahm diese Seillänge zum Abschluss noch unter die Geräte, bevor wir uns auf den langen Weg nach Hause machten.

Christof im Nachstieg der 1. SL des Brückenfalls

Christof im Nachstieg der 1. SL des Brückenfalls

Facts:

Brückenfall (WI 3+, 80m): 1. SL: Ein steiler Einstieg (10m), anschließend über mehrere kurze Aufschwünge zum Stand hinter einer Säule. 2. SL: Die 75 Grad steile Rampe zum Ausstieg, vorsicht mit dem eingelagerten Schneee! Stand an Latschen (Schlinge). Gute Verhältnisse, lediglich am Ausstieg etwas wenig Eis. Vorsicht mit den Zapfen, die darüberhängen!

Kirchenfall (WI 4, 100m): 1. SL: Solo über kurzen Aufschwung (70°). 2. SL: ca 15m über Stufe (WI 3), Stand an Fichte am rechten Rand der Rinne. 3. SL: Stiel über 20m Stufe (WI4), Stand an einem Baum rechts oberhalb (Schlinge). Anschließend der rechten Rinne folgend um ein Eck, durch die Latschen zum Ausstieg.

Campsut Hauptsektor: Parken am Ortseingang von Campsut, Aufstieg in ca. 10min zum bereits sichtbaren Fall. Im linken oberen Teil leichter und kürzer, im rechten Teil bis WI6 (Zapfen bei uns nicht gewachsen). Unbedingt über die Lawinensituation informieren!

Schwere Züge im Ausstieg aus dem Direkte Brückenfall

Schwere Züge im Ausstieg aus dem Direkte Brückenfall