Laut Wikipedia solle die Aiguille Verte mit ihren 4122m der „schwierigste Viertausender der Alpen“ sein. Nun ja, ob das stimmt sein mal dahingestellt. Ob nun der schwierigste oder nicht, wir schlugen jedenfalls unser Biwak unterhalb der Verte an einem windgeschützten Plätzchen auf, welches eine fantastische Aussicht auf den Argentiere-Kessel bot.

Am nächsten Morgen: Wir hätten doch eigentlich längst aufstehen müssen?! Kumpel Christian wollte sich ums Wecken kümmern, von daher drehte ich mich nochmals um. Aber anstelle um 3 Uhr kamen wir erst um halb 5 auf den Daunenfedern: Wir hatten den Wecker schlichtweg überhört. Na toll, das geht ja gut los. Endlich mal ne anständige Westalpentour, und dann sowas! Ärgern half nicht, wir machten uns zügig auf, aus dem Zelt und auf den Berg zu kommen. Und wurden dafür mit einem tollen Sonnenaufgang belohnt, die Nordwand der Aiguille Verte schimmerte wunderschön in den tollsten Farben:

Wir rüsteten auf die Steileisausrüstung um und stiegen in das Couloir Couturier ein. Dabei war der Bergschrund gar nicht mal so einfach zu überwinden und die Tour wäre hier schon fast zu Ende gewesen. Mit einigen engagierten Moves kletterte ich über die brüchigen Schneebrücken voraus. Mangels Standplatzmöglichkeit ging es direkt weiter, von weitem konnten wir schon Ultraklassiker wie „Late too say I´m sorry“ oder das Bettembourg-Couloir erkennen. Was für eine Arena des Alpinismus, was für eine Nordwand!

Und so langsam kamen auch die ersten Sicherungsmöglichkeiten in Sicht: Endlich fand ich unter dem Schnee – nach etwas graben – eine Eisschicht, die dick genug für eine Eisschraube war. Ich legte das Seil in eine Tibloc Rücklaufsperre ein und kletterte weiter. So hatten wir eine sehr effiziente Sicherungsmöglichkeit: die Seilschaft bewegte sich permanent und war trotzdem gesichert. nach 60m dreht der Nachsteiger die erste Schraube raus, während der Vorsteiger die nächste Sicherung platziert usw.

Die Schlüsselstelle der Tour war eine 65° steile Blankeispassage. Ich zog direkt an den Felsen hoch, denn dort war das Eis am besten. Mittlerweile waren auch ein Haufen andere Seilschaften zu sehen´, aber eben alle mit Ski. Unser Plan sah vor, die Wand noch am gleichen Tage wieder abzuklettern bzw. abzuseilen, wofür wir natürlich eine entsprechende Zeitreserve benötigten. Die Abseilpiste musste nämlich von uns selbst eingerichtet werden, während die Leute mit Ski ganz bequem durchs Whymper Couloir auf der Rückseite den Weg nach unten antreten konnten. Aber dafür mussten eben beide Seilschaftsmitglieder Ski fahren können, und das war eben bei uns nicht der Fall. Punkt.

Mittlerweile war es Mittag, und bis zum Gipfel fehlte noch ein gutes Stück. Akklimatisiert waren wir ja auch nicht, sind wir doch schließlich direkt aus Westfalen nach Chamonix gedüst. Einvernehmlich entschieden wir daher auf einer Art Schulter in ca. 3700m Höhe, die Aktion an Ort und Stelle abzubrechen. Immerhin haben wir die schwierigsten Wandpassagen überwunden, und der Weiterweg zum Gipfel wäre ein technisch nicht mehr so schwieriger gewesen. Aber wir hatten eben auch den langen Rückweg bis zum Biwak im Hinterkopf.

So ging es zunächst seilfrei, später abseilend, das Couturier wieder hinunter. Nach jeweils 60m abseilen habe ich eine Eissanduhr gebohrt. Mit dem Einbruch der Dunkelheit waren wir auch wieder über den Bergschrund gekommen.

Fazit: Was eine Tour! Auch wenn wir nicht am Gipfel waren, ein eindrückliches Ergebnis, das nach Wiederholung förmlich schreit. Ich hoffe, beim nächsten Mal ist der Wettergott uns besser gesonnen (Akklimatisierung!). Und die Ski, ja die Ski…